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In der WELT erschien am 14. April 2016 ein sehr lesenswerter Artikel von Tobias Kaiser über die aktuelle Situation in Nepal – ein Jahr nach dem großen Beben. 

Frisch gebloggt: Meine sechs Wochen bei Shanti

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.”
(Albert Schweitzer)

Berichte, Interviews, Nachrichten aus der
Shanti Leprahilfe

Die Shanti Leprahilfe bietet Menschen in Nepal eine Zuflucht, um die sich dort niemand kümmert: Obdachlosen, Versehrten, Waisen, verstoßenen Frauen und Mädchen, Menschen mit Behinderung. Bei Shanti finden sie ein Dach über dem Kopf, Arbeit, Essen, Schule, medizinische Versorgung. Shanti gibt den Menschen ihre Würde zurück und einen Platz in der Gesellschaft. Weitere Informationen: www.shanti-leprahilfe.de

Juni 2015

Nepal

Die Schule hat begonnen!

Der erste Schultag in den neuen Räumen im Zentrum in Tilganga

Da die Schul- und Internatsgebäude in Budhanilkhanta abgerissen werden müssen, haben wir die Schule kurzerhand ins Zentrum nach Kathmandu verlegt. Alle Bewohner sind etwas zusammengerückt, die großen Räume wurden durch Holzabtrennungen geteilt – so entstanden ausreichend Klassenräume für unsere Schulkinder. Die Schreiner haben fleißig die Tische neu gehobelt und geschliffen. Alle Kinder haben mit angepackt, um die Materialien – Stühle, Tische, Tafeln, Unterrichtsmaterialien – in die neuen Räume im 2. Stock über der Armenküche zu transportieren. 

Da es noch nicht wieder genügend Strick- und Häkelnadeln für den Unterricht gab, legten Schüler und Lehrer selbst Hand an und schnitzten sich ihre Materialien aus Bambusstäben. 

Der Schulbeginn am 1. Juni wurde so zum großen Fest – zur Feier des Tages gab es frisches Obst, und die Räume wurden mit Blumen geschmückt. Alle sind froh über dieses Stückchen Alltag, der nach den Unruhen des Bebens so durcheinander geschüttelt worden war. Der vertraute Rhythmus gibt kleinen und großen Seelen eine wohltuende innere Stütze. 

Immer noch bebt die Erde täglich. Es ist kaum vorstellbar – aber es vergeht kein Tag ohne dass der Boden wackelt.

Die Menschen müssen zudem noch Angst vor Leoparden und Schlangen haben, die in den Ruinen nach Beute suchen. Sogar in den Zeitungen findet das Beachtung (siehe Foto links). 

Eine Gruppe indischer Geistlicher aus Kerala in Südindien baute mit den Bewohnern von Budhanilkhanta zusammen Notunterkünfte aus Wellblech. Sie halten sogar den Regengüssen des Monsun stand.

Wir werden dort keine neue Schule mehr errichten, sondern das Gelände für den Obstanbau nutzen – die Wurzeln der Bäume halten den Boden fest, sodass das abschüssige Gelände nicht mehr so leicht abrutschen kann. 

Die Erde ist sehr fruchtbar, und die Obstbäume tragen reichlich Früchte. 

Wolle wickeln, Plastiktüten in Streifen schneiden – nützliche Tätigkeiten, an denen sich alle beteiligen können und die ablenkt von den Schrecken der Vergangenheit. 

Wir haben robuste Nähmaschinen gekauft und lassen nun für die Flüchtlinge aus gespendeten Textilien neue Kleidung nähen. So werden aus einem Anzug in Übergröße aus Amerika (für korpulente US-Bürger vielleicht gerade richtig, aber für zarte Nepali-Figuren völlig unbrauchbar!) zwei bis drei Anzüge "Nepali-Size". 

Farbenfroh sind die Decken, die auf den Rhadi-Webstühlen aus Wolle gewebt werden. 

Außerdem konnten wir noch einmal mehrere hundert Kilo reine Wolle erstehen, die jetzt fleißig gewickelt und zu wärmenden Jacken verstrickt bzw. auf den traditionellen Nomaden-Webstühlen zu großen Decken verarbeitet wird, die im Winter gebraucht werden. Denn da sind vor allem die Nächte eisig kalt. 

Große Sorgen macht uns das Nachbargebäude neben der Klinik in Kathmandu. Der Besitzer hat unerlaubt ein drittes Stockwerk aufgesetzt, das dem Erdbeben nicht standgehalten hat und nun unser Klinikgebäude belastet. Sollte das Haus ganz einstürzen, wird das nicht ohne Folgen für unsere Gebäude bleiben. Wir sind deshalb bereits mehrfach bei den Behörden vorstellig geworden – bisher ohne Erfolg. Nun haben wir auch die Deutsche Botschaft mit einbezogen – in der Hoffnung, dass diese Autorität mehr bewirken kann. Denn letztlich sind unsere Gebäude auch mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gebaut worden – es besteht also auch regierungsseitig ein Interesse daran, dass hier nicht unnötig Schaden entsteht. 

Dr. Shruti (hinten) versorgt im Medizin-Zelt zusammen mit zwei Krankenschwestern die Patienten.

Die Angst vor einstürzenden Gebäuden lässt die Menschen weiterhin in Zeltstädten ausharren. Wir unterstützen hier unsere Freundin Sangita Shrestha, die Besitzerin des Dwarikas Hotels, die eine Zeltstadt für 320 Obdachlose errichtet hat.

Aus Plastikstreifen werden Matten gehäkelt (im Vordergrund), Bambusstäbchen zu Strick- und Häkelnadeln geschliffen (hinten). 

40 Kilogramm Wolle wollen gewickelt werden! 

Wir veranstalten Kurse für Stricken, Häkeln und Nähen. Wir zeigen, wie man aus Bambusstäben Strick- und Häkelnadeln schnitzen kann und sie mit Bienenwachs einreibt, damit die Nadeln schön griffig werden. Aus alten Autoreifenschläuchen nähen wir Matten, mit denen die Zeltböden ausgelegt werden können, um sie vor Wasser und Schlamm zu schützen. Wir zeigen, wie man aus Plastikstreifen (z.B. aus alten Plastiktüten und -resten) bunte Matten häkelt, die zusätzlichen Schutz vor Kälte und Nässe bieten. Wir haben eine Spende von 200 Euro in 40 Kilogramm reine Wolle umgesetzt, die gewickelt werden muss. Wir zeigen, wie man aus der Wolle Stirnbänder mit Ohrenklappen herstellt, Mützen häkelt, Jacken, Pulswärmer und Stulpen strickt...

Es war eine Freude zu sehen, wie eifrig die Frauen bei der Sache waren: unsere Handarbeitslehrerin in der Mitte, jeweils eine Frau rechts und links neben ihr, und dann ging's los. Auch das Wollewickeln war eine sehr gesellige Angelegenheit: Jeweils zwei Frauen saßen sich gegenüber, die eine hielt den Strang, die andere wickelte, und dabei wurde munter geschwatzt und gelacht. 

Im Medizin-Zelt macht unsere Dr. Shruti jeden zweiten Nachmittag Praxis und verarztet die Kranken. Sie hat immer zwei Krankenschwestern dabei, so kann sie noch effektiver arbeiten. 

Ein besonderer Glücksfall war, dass wir über unseren Freund Peter Effenberger von One World etliche hundert Zeltplanen ergattern konnten, die wir über Beziehungen noch so rechtzeitig aus dem Zoll bekamen, dass wir nicht die seit 3. Juni geltenden 46 Prozent Einfuhrzoll (!!!!!) bezahlen mussten. Aus diesen Planen können wir richtige Zelte nähen, die auch heftigen Monsun-Sturmböen standhalten. Die Zelte, in denen die Menschen häufig hausen, stammen nämlich aus den arabischen Ländern und sind zwar gut gegen Sandstürme und Wüstensonne, aber nicht regendicht ... Wir werden diese nun mit den zusätzlichen Planen so abdichten, dass die Menschen und das wenige Hab und Gut, das ihnen geblieben ist, trocken bleiben. 

Unsere Schneider haben eine "Produktionsstraße" eröffnet, wo ein Zuschneider für fünf Schneider die frisch zugeschnittenen Schuluniform-Teile zurechtlegt, die dann rasch zusammengenäht werden können – und die Schulkinder fühlen sich nicht mehr ausgegrenzt, sondern sind gekleidet wie alle anderen Schülerinnen und Schüler auch. Außerdem ließen wir aus alten Autoschläuchen und -reifen Schuhe und Sandalen nähen (Foto links). Und wir haben ihnen Füller spendiert – nun brauchen sie nur noch Bücher und Hefte. 

Da an diesen Arbeiten viele unserer Patienten beteiligt sind, sehen die Zeltstadt-Bewohner, wie geschickt sie auch mit ihren leprageschädigten Händen sind. Der Kontakt zwischen diesen Menschen, die sonst aus der Gesellschaft ausgestoßen werden und ihr Dasein als Bettler fristen müssen, und der "normalen" Bevölkerung trägt dazu bei, Vorurteile und Ängste abzubauen. 

Um die Menschen hoffnungsvoller zu stimmen, werden wir ein "Märchenzelt" nähen lassen. Das ist ein großer Reifen, von dem farbige Stoffbahnen herabhängen. Darin sitzt auf bunten Kissen eine unserer Lehrerinnen, die eine hochbegabte Geschichtenerzählerin ist, und erzählt Märchen aus nepalesischer Überlieferung.

Auf diese Weise wollen wir auch die Erinnerung an die schöne Heimat wach halten. Vielleicht kommen ja auch ein paar Zeltstadt-Bewohner und erzählen selbst Geschichten. Je mehr die Flüchtlinge ihre Heimat in guter Erinnerung behalten, desto eher schieben sich positive Bilder über die Greuel des Erlebten. 

Es wird ein langer Weg sein, bis die Bevölkerung Nepals wieder Vertrauen in eine gesicherte Zukunft wird entwickeln können. Wir sehen es als unsere Aufgabe, ihnen praktische Hilfe zukommen zu lassen, die ihr Leben erleichtert und sie vor Krankheiten bewahrt. 

 

Kommentare

ursel galle, 09. Juli 2015, 00:20 Uhr

Nachtrag: Hoffentllich hat der Obstbaum, den ich im Gedenken an meinen Sohn, der bei der Volksmarine 1984 ertrank - warum??? - pflanzen ließ, überlebt. Das war der erste Kontakt zu Euch über Hiltrud Mahler.

Ursel Galle

 

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