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In der WELT erschien am 14. April 2016 ein sehr lesenswerter Artikel von Tobias Kaiser über die aktuelle Situation in Nepal – ein Jahr nach dem großen Beben. 

Frisch gebloggt: Meine sechs Wochen bei Shanti

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.”
(Albert Schweitzer)

Berichte, Interviews, Nachrichten aus der
Shanti Leprahilfe

Die Shanti Leprahilfe bietet Menschen in Nepal eine Zuflucht, um die sich dort niemand kümmert: Obdachlosen, Versehrten, Waisen, verstoßenen Frauen und Mädchen, Menschen mit Behinderung. Bei Shanti finden sie ein Dach über dem Kopf, Arbeit, Essen, Schule, medizinische Versorgung. Shanti gibt den Menschen ihre Würde zurück und einen Platz in der Gesellschaft. Weitere Informationen: www.shanti-leprahilfe.de

Nepal

Nepal ein Jahr nach dem großen Beben

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ein verheerendes Erdbeben das Land erschütterte. Viele Menschen, die die Shanti-Leprahilfe in dieser Zeit unterstützt haben, werden sich fragen: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Hat meine Hilfe etwas bewirkt? Wie geht es den Menschen vor Ort? Hier der Bericht von Marianne Großpietsch, die erst vor wenigen Tagen aus Nepal zurückgekehrt ist: 

"Zunächst einmal: Ihre finanzielle Unterstützung war lebensrettend und -erhaltend! Sie haben uns ermöglicht, unmittelbar Not-wendendes zu tun und Langzeithilfe zu initiieren. Dafür schon vorab ein großes Dankeschön! 

Hier werden Patienten kostenlos medizinisch versorgt. 

Unmittelbar nach dem Beben hatten mein Sohn Heiko und ich für eine knappe Woche unter Zeltplanen Unterschlupf gefunden, gemeinsam mit 10 VolontärInnen, einigen Patienten, der Familie unseres Hausvaters, dem fünfköpfigen mexikanischen Filmteam, das gerade bei uns war, und etlichen Gestrandeten. Der Monsunregen hatte bereits eingesetzt – hunderte von Menschen lebten auf dem freien Platz, teilten sechs Toiletten und wurden von der Regierung mit Reis und Gemüse auf abgerissenen Zeitungsblättern versorgt. Immer wieder bebte die Erde nach und löste Angst und Schrecken aus.

Inzwischen hatte Bijendra, unser getreuer Junior Manager, im Zentrum die Hilfsaktionen in die Hand genommen: Er öffnete die Toilettenanlagen in der Klinik für die umliegende Bevölkerung (wir haben insgesamt 28 Einzeltoiletten bei Shanti.). In den ersten Tagen gab es keinen Strom. Bei unseren Nachbarn, der Augenklinik, war die Photovoltaik-Anlage durch die Wucht des Bebens vom Dach gestürzt. Unsere jedoch hatte Stand gehalten, und so installierte Bijendra Dutzende von Steckdosenleisten, sodass die sorgenvollen Menschen aus der Nachbarschaft ihre Mobilphone aufladen konnten. Sie wollten ja unbedingt ihre Verwandten in den Dörfern anrufen und hören, ob sie überlebt hatten. Da gab es viele Tränen zu trocknen ... Eine unsere Patientinnen zum Beispiel verlor neun Familienmitglieder, die unter ihrem zusammenstürzenden Elternhaus begraben worden waren.

Neben  den Steckkontaktleisten wurde auch unsere Wasserpumpe durch Photovoltaik mit Energie gespeist: es gab also Wasser in der Station – ein Segen! 

Die fleißigen Großmütter sind stolz auf die von ihnen gewebten Flickenteppiche, die in den Zeltlagern vor Kälte und Nässe schützen. 

Inzwischen hörten wir immer mehr erschreckende Details über das Ausmaß der Schäden: Unser Dorf in Budhanilkanta, die Schule, das Internat und das Heim für die behinderten Kinder waren irreparabel zerstört. Wie durch ein Wunder hatten aber alle Kinder und Erwachsenen unbeschadet überlebt. Wir schickten Zelte, Essen und wärmende Decken. Die Straße war zum Glück befahrbar.

Als wir wieder ins Zentrum zurückkonnten, begannen wir, hunderte von Plastiktüten mit Trockennahrung zu füllen: Keksen, Salzstangen, Nüssen etc. Damit beluden wir unsere Pick-ups und fuhren in entlegene Dörfer, wo die Menschen hungerten. Unsere Ärztin fuhr mit und behandelte noch unversorgte Wunden, Knochenbrüche und andere Verletzungen. 

Im Zentrum selbst kochten wir noch größere Mengen an Essen, und jeden Nachmittag verorgten wir zusätzlich noch die HelferInnen des deutschen Technischen Hilfswerks am nahegelegenen Flughafen. Sie waren dort, um als vermisst gemeldete deutsche Touristen zu registrieren. Viele Trekking-Touristen waren in entlegenen Orten (z. B. Langtang, das mit am schwersten betroffen war) von dem Beben und Erdrutschen überrascht worden – nun bangten die Familien in Deutschland, ob ihre Angehörigen überlebt hatten. Allerdings war nicht daran gedacht worden, diese geduldig ausharrenden HelferInnen mit Essen zu versorgen – umso mehr freuten sie sich über die von unserem Koch Gyanu zubereiteten gefüllten Teigtaschen und Pfannkuchen. 

Action Medeor hatte sofort nach dem Beben eine Hilfssendung auf den Weg gebracht, und in dem Chaos am Flughafen gelang es Heiko tatsächlich, 1,2 Tonnen Medikamente und 13 Wasserfilter ("PAUL") direkt auf dem Flugfeld auf unseren Laster zu laden und ins Zentrum zu transportieren.

Immer noch werden Menschen im wahrsten Sinne des Wortes vor unserem Zentrum "abgelegt" – auf dem Foto links war es ein Diabetiker, der kein Geld für Insulin hatte und gestorben wäre, wenn wir uns nicht um ihn gekümmert hätten. 

Dank der PAULs konnten wir keimfreies Trinkwasser an die Nachbarschaft ausgeben – unsere Sorge vor einem Typhus- oder Cholera Ausbruch war natürlich groß, denn angesichts des Monsuns wuchs diese Gefahr sprunghaft. Weitere 10 PAUL-Wasserfilter verteilte Heiko an Institutionen  wie Klöster, die ebenfalls viele Gestrandete versorgten, sowie auf von der Polizei bewachte Plätze und Schulen, um sicherzustellen, dass das Trinkwasser auch wirklich dort ankam, wo es gebraucht wurde: bei der Bevölkerung.  

Die PAULs sind dafür ideal: Sie haben eine Lebensdauer von ca. 10 Jahren und liefern täglich 1.200 Liter Trinkwasser. Geht man davon aus, dass pro Person drei Liter Trinkwasser täglich nötig sind, versorgen unsere PAULs an jedem Tag 5.200 Menschen mit keimfreiem Wasser! 

Drei PAULs haben wir im Zentrum in Tilganga installiert, denn in unserer Nachbarschaft wohnen viele arme und bedürftige Menschen, die sich weder Essen noch sauberes Wasser leisten können. Zwei PAULs stehen auf der Balustrade der Klinik, dort sind sie vor Diebstahl geschützt, und die direkt davon ausgehenden Leitungen führen zu großen Wasserbehältern. Sie haben wir mit fünf Hähnen versehen, damit die Frauen und Kinder nicht so lange anstehen müssen, bis sie ihre Wassergefäße gefüllt haben (anderswo dauert das Stunden). 

Der große Vorzug der PAULs ist, dass sie wirklich keimfreies Wasser liefern. Denn das Wasser aus den Tankwagen, mit dem ein Großteil der Bevölkerung versorgt wird, ist natürlich Brauchwasser und somit keimbelastet. Nun arbeiten wir daran, möglichst viele der neu entstehenden Schulen (mehrere tausend sind zerstört) mit einem PAUL ausstatten zu können und stehen dafür mit der Botschafterin der EU, Reensje Terink, in Kontakt, die diese Idee unterstützt. 

Die Medikamente der Action Medeor erwiesen sich als Segen: Es kam nämlich zu einer fünfmonatigen Blockade der indischen Grenze und damit zu einem Importstopp. Auch für die dringend benötigten Arzneimittel wurde keine Ausnahme gemacht. So waren wir mehr als froh, wenigstens in unserer Klinik die Bedürftigen medizinisch versorgen zu können. 

Inzwischen hatte unsere Freundin Sangita Shrestha, die Mitbesitzerin des Dwarikas Hotels, 320 Überlebende aus den zerstörten Dörfern in Sindhupalchowk (nahe der Grenze zu Tibet) in einem Lager auf einem Sportplatz untergebracht. Die dort errichteten Zelte waren gespendete Wüstenzelte ... Sie schützten zwar gegen Wind und Sonne, aber sie waren nicht regendicht! Also nähten unsere Shanti-Schneider zwei Monate lang Zelte aus festen, wasserdichten Planen, fertigten Gummimatten aus alten Reifenschläuchen, Heiko installierte eine PAUL-Trinkwasseranlage, dafür mussten große Container besorgt werden. In einem Behandlungszelt leisteten Ärzte Erste Hilfe und konnten die Bedürftigen mit den Medikamenten der Action Medeor versorgen.

Am Waschplatz errichtete Heiko eine Solar-Warmwasseranlage, damit die Mütter ihre Neugeborenen nicht mit eiskaltem Wasser waschen mussten.

Früh übt sich: Auch die Kleinen helfen fleißig mit, die Flickenteppiche zusammenzunähen. 

Außerdem etablierten wir ein "Handwerkszelt" mit Nähmaschinen, um die Frauen mit sinnvollen Arbeiten zu beschäftigen – für sie war es am schlimmsten, untätig herumsitzen zu müssen und nichts machen zu können. Inzwischen betreut unsere Shanti-Handarbeitslehrerin die Frauen nun schon seit elf Monaten. Diese verdienen sich ein Zubrot durch Recycle-Papierprodukte. Außerdem kauften wir für 1000 Euro Schafwolle, aus denen die Frauen Pullover, Mützen und Jacken für den Winter stricken konnten. Auch in Zukunft sollen sie durch Handarbeiten etwas Geld einnehmen können. 

Die Kinder aus Budhanilkanta evakuierten wir kurzerhand in unser Zentrum in Kathmandu. Es war zu gefährlich, sie in den jederzeit vom Einsturz bedrohten Gebäuden zu lassen. Wenn alle im Zentrum etwas zusammenrückten, so konnten wir sie dort durchaus noch mit aufnehmen, und auch der Unterricht konnte weitergehen. Jede verfügbare Ecke wird genutzt und ausgebaut, damit wir die SchülerInnen unterrichten können. Auch hier ist die Erdbebensicherheit das wichtigste Ziel. Denn immer noch erschüttern mehr oder weniger schwere Beben die Erde. 

Am 25. April, dem Jahrestag des Erdbebens wollten wir die Kinder jedoch nicht so sehr an die Schrecken erinnern, sondern ihnen eine Freude machen und eine Zukunftsperspektive geben. Noch immer sind ja täglich 13 Stunden Stromsperre hinzunehmen. Jede Familie bekommt deshalb eine Solarlampe, die sechs Stunden lang leuchtet. Das Solarpaneel zum Aufladen bleibt in der Schule, damit die begehrten Lampen nicht etwa "Beine bekommen", außerdem ist das Paneel so nach der Sonne ausgerichtet, dass es maximal Energie aufnimmt. 

Anlässlich des Geburtstags ihres Sohnes hatte Sangita Shresta vom Dwarikas Hotel Muffins mit Zuckerguss und Sahne spendiert! 

Und da der Monsun jetzt wieder naht, bekommt jedes Kind, auch die Kinder im von Sangita Shresta betreuten Zeltlager, eine Regenhaut. Und weil Obst so teuer ist, dass es sich arme Leute nie leisten können, gibt es Wassermelone für alle – die Melonen werden gerade geerntet und sind daher am günstigsten.

Einen Wermutstropfen gab es dennoch für uns: All die vielen Pakete mit Kinderkleidung, die uns zugeschickt wurden, konnten wir nicht ins Land bringen – wir bekamen dafür keine Einfuhrgenehmigung von den Regierungsstellen. Schon daran sehen Sie, wie absurd der Zustand im Land ist. Wir haben die Kleidung deshalb jetzt an Heime für behinderte Kinder in Novi Sad und Tadschikistan geschickt – wir haben die Kartons selbst mit verladen und erhielten Fotos aus den Heimen, dass die Sendungen gut angekommen sind. So konnten wir sicher sein, dass die Spenden auch hier einem guten Zweck zugeführt wurden. 

Noch immer ist die Situation im Land katastrophal – die Medien berichteten darüber gerade in diesen Tagen, zum Beispiel DIE WELT. Insgesamt wurden über 3,65 Milliarden Euro (!) an Hilfsgeldern nach Nepal überwiesen oder fest zugesagt. Verteilt wurden davon bis jetzt 275.000 Euro für den Wiederaufbau der schätzungsweise 600.000 zerstörten Häuser – das sind 0,0075 Prozent der Hilfsgelder. Die Menschen leben weiterhin vorwiegend in den – inzwischen recht maroden – Zelten und Behelfsbehausungen. 

Zum Vergleich: In dieser Zeit halfen wir der Shanti-Familie und anderen Bedürftigen mit 551.000 Euro Spendengeldern und Sachspenden im Wert von 80.000 Euro, insgesamt also 631.000 Euro. Das sind rund 220.000 Euro mehr, als wir in „normalen“ Jahren für unsere Arbeit brauchen. Dass wir so direkt und unbürokratisch helfen konnten, verdanken wir Ihnen, lieber Spenderinnen und Spender! Dafür nochmals unseren tief empfundenen Dank! Bleiben Sie uns treu! 

NepalKinder

Welt-Lepra-Tag bei Shanti in Kathmandu

Seit 1954 wird am letzten Sonntag im Januar zum Welt-Lepra-Tag aufgerufen. Dieser Termin wurde gewählt in Erinnerung an den Todestag von Mahatma Gandhi, der sich für Leprakranke sehr engagiert hat. 

Seinerzeit war es noch nicht möglich, Lepra zu heilen. Heute ist das zwar machbar, aber die Krankheit noch längst nicht ausgerottet. Jährlich erkranken immer noch 230.000 Menschen daran – die Dunkelziffer ist weitaus höher. Daher ist der Welt-Lepra-Tag immer noch aktuell und inzwischen eine feste Institution in etwa 130 Ländern der Welt. 

Der Demo-Zug der SchülerInnen und Studierenden

Zum diesjährigen Welt-Lepra-Tag jaben Ritu Pant, Angshu Neupane, Samana Parajuli, Sneha Joshi und Sushmita Bhadari, Studierende für Sozialarbeit am St. Xavier's College in Kathmandu, gemeinsam mit SchülerInnen der 6. Klasse und des Hostels einen Demonstrationszug durch Tilganga und die nähere Umgebung (vor allem in den Stadtteilen Pingalasthan und Gaushala) gestartet, um auf das Lepra-Problem aufmerksam zu machen. Sie wollten die Menschen informieren, dass Lepra durch rechtzeitige Diagnose und Behandlung – zum Beispiel in der Hape-Kerkeling-Klinik von Shanti in Kathmandu – heilbar ist. 

Solche Aktionen sind leider auch heute noch dringend nötig, denn in der nepalesischen Gesellschaft gibt es große Vorbehalte gegenüber kranken und behinderten Menschen. 

Der Demo-Zug für eine sauberere Umwelt  im Dezember 2015 startete im Shanti-Zentrum in Tilganga ... 

Die Studierenden leisten ihre Praxisstunden an zwei Tagen in der Woche in unterschiedlichen Bereichen im Shanti-Zentrum ab. Sie haben einen Aktionsplan aufgestelt, um einen kleinen Beitrag zu leisten, die nepalesische Gesellschaft zum Besseren zu verändern.

... aber davor wurde erst einmal das Zentrum saubergemacht! 

Dazu gehörte auch ein Umwelt- und Putztag bei Shanti mit allen SchülerInnen sowie eine Demonstration unter dem Motto "No pollution is the better solution" (keine Umweltverschmutzung ist die bessere Lösung).

Der Demo-Zug bewegt sich durch das Stadtviertel

Der Demo-Zug der Schulkinder war in zwei Bereiche aufgeteilt:

- ein Teil der Kinder trug Plakate mit Parolen auf Englisch und Nepali, die sie auch gerufen haben;

- die anderen Kinder sammelten entlang der Strecke des Demo-Zuges den Müll von der Straße ein. 

Das Ergebnis dieser Aktion hat ein Schüler der sechsten Klasse ganz herzerfrischend und lebensnah im Gespräch mit einem Freund zusammengefasst:

"Es ist eine schreckliche, erniedrigende und schmutzige Arbeit, den Müll anderer einzusammeln – ich werde nie mehr meinen Abfall auf die Straße werfen!" 

 

Nepal

Es weihnachtet - auch in Nepal!

Es weihnachtet! Die Menschen sehen trotz Stress erwartungsvoll aus – es liegt wohl  die Sehnsucht nach Freude in der Luft. Freude wird in mir durch dieses Photo geweckt:

Es ist das Bild einer jungen Mutter aus dem nepalesischen Dorf Sindhupalchowk, das durch das große Beben im April diesen Jahres vollständig zerstört wurde. Die Überlebenden haben im "Camp of Hope" unserer Freundin Sangita Shresta Einhaus, der Besitzerin und Chefin des berühmten Dwarikas Hotel in Kathmandu, eine Bleibe gefunden. Zurzeit wird daran gearbeitet, ob es möglich ist, das Dorf am gleichen Ort wieder neu aufzubauen – denn natürlich wollen die Bewohner ihre Heimat nicht aufgeben. 

Möge dieses Bild auch bei anderen ein ähnliches Lächeln hervorlocken wie bei mir: Das winzige Kind, eingemuckelt in warme, gespendete Kleidung. Die fürsorgliche Solidarität von Nepalreisenden, die in ihren Koffern Kinderkleidung mitnahmen, wird  in  diesem Bild so herzerwärmend deutlich – diese Freude möchte ich gerade an Weihnachten teilen.

Genauso solidarisch standen so viele Menschen die Shanti Leprahilfe das ganze Jahr über mit ihrer Hilfe zur Seite. Sie haben es uns ermöglicht, Menschen zu ernähren, zu kleiden, medizinisch zu versorgen, ihnen eine Dach über dem Kopf zu geben. Wir konnten sie damit in Fürsorge einhüllen und werden das dank Ihrer Spenden auch weiterhin können. Bitte lesen Sie dazu auch unseren Weihnachts-Rundbrief, den wir auf unserer Shanti-Homepage eingestellt haben. 

Mich bewegt in diesem Jahr sehr, dass ich die Erdbeben unbeschadet überlebt habe und im Sommer nach Deutschland zurückkehren konnte. Es ist seit vielen Jahren das erste Mal, dass ich für eine so lange Zeit hier bin. Es ist für uns alle jedoch eine große Beruhigung, meinen Sohn Heiko immer wieder vor Ort zu wissen.

Seit dem großen Erdbeben habe ich viel Zuspruch und Ermutigung erfahren. Das hat mich wohl davor bewahrt, psychisch in ein Loch zu fallen. Aber immer noch zucke ich zusammen, wenn z.B. jemand an den Tisch stößt und dieser wackelt – das löst jedes Mal Fluchtreflexe in mir aus. Aber damit lerne ich umzugehen.

Ich merke auch zunehmend, wie mich die Erfahrung des politischen und gesellschaftlichen Elends in Nepal sensibilisiert für all das Gute, das wir hier in Deutschland oft als selbstverständlich ansehen. Ich denke da an unsere  relative Rechtssicherheit, die auch Korruption ahndet, wenn sie entdeckt wird, oder die Gutwilligkeit und Kompetenz so vieler PolitikerInnen, oder unsere Krankenversicherung; an das warme Duschwasser am Morgen, überhaupt: Trinkwasser überall, Elektrizität zu jeder Zeit.

Manchmal staune ich darüber wie ein Kind, vor allem wenn ich die täglichen Nachrichten aus Nepal lese. Unsere Ärztin rief  gestern an, sie hatte in ihrem Wohnviertel in Kathmandu 32 Stunden lang keinen Strom.

Ich genieße es auch, so viel Kultur zur Auswahl zu haben: Konzerte, Ausstellungen, Vorträge, Theater, unser bereicherndes Radioprogramm... All das schenkt mir ganz viel Kraft. Und mit dieser Kraft und zugleich aus großer Dankbarkeit heraus, konzentriere ich mich hier in Deutschland darauf, Wege zu finden, wie wir dem mit jedem Tag wachsenden Elend in Nepal begegnen können.

Ich reise dafür z. B. nach Hamburg, Berlin, Augsburg und an viele weitere Orte im ganzen Land, um Menschen um Hilfe für unsere Schutzbefohlenen zu bitten. Die große Solidarität, die uns in den Wochen nach dem Erdbeben getragen hat, spüre ich auch bei den Vorträgen und Gesprächen, das macht mich dankbar und gibt mir immer wieder neuen Mut.Gerne komme ich auch in andere Städte oder Schulen, um über unsere Arbeit zu berichten und Fragen zu Nepal zu beantworten. 

Außerdem veranlasse ich in fast täglichem Kontakt mit unseren Mitarbeitenden bei Shanti zusätzliche Hilfsprogramme, wie z.B. die Versorgung der Bettler am Pashupat Tempel mit warmem Mahlzeiten. Die Touristen bleiben aus, da dürfen wir die Armen nicht hungern lassen.

Frieden – danach haben alle Menschen weltweit die größte Sehnsucht. Ich wünsche Ihnen allen diesen Frieden – an Weinachten und im ganzen vor uns liegenden neuen Jahr! Und ich danke Ihnen allen für Ihr Wohlwollen, Ihre Spenden und Ihre Treue! 

Bleiben Sie alle gut behütet – 

Ihre Marianne Großpietsch 

Nepal

Hockerbau: Schutz vor der Nässe und sinnvolle Beschäftigung für Männer

Männer in der Zeltstadt beim Anfertigen von Bambushockern – dabei lässt sich auch trefflich Spaß haben! 

Es gibt immer wieder Geschichten, die zu Herzen gehen. So auch die von Kamal Bahadur. Er ist – vermutlich aufgrund einer Polio-Infektion – nur eingeschränkt gehfähig und kann sich nur mit Hilfe eines Rollators fortbewegen. Auch kann er nur undeutlich sprechen. Normalerweise wäre er in Nepal deshalb aus der Gesellschaft ausgestoßen worden. Denn nach Auffassung der Hindus haben die Götter ihn damit gestraft – vermutlich wegen irgendwelcher Missetaten in den vorherigen Leben. Gesunde müssen den Kontakt mit ihm deshalb tunlichst meiden. Kamal hätte sein Leben als Bettler in Schmutz und Armut fristen müssen. 

Kamal (Mitte) zeigt einem der Männer, wie er die Plastikbänder zu einem Hockersitz flechten kann.

Aber zum Glück hat er den Weg zu Shanti gefunden. Und wir sind so froh, dass wir ihn haben! Denn er ist nicht nur bienenfleißig, sondern auch handwerklich überaus geschickt.

Kamal rasiert einen der bei Shanti wohnenden Menschen mit Behinderung und anschließend sich selbst!

Er macht Strick- und Häkelnadeln aus Bambus, er dreht Perlen aus Papierresten und zieht diese zu hübschen Ketten auf, er webt die Sitze für Stühle aus Bändern oder Bambusstreifen, er rasiert behinderte Mitmenschen und schneidet ihnen die Haare.

Kamal erklärt den Männern, wie die Bambushocker gemacht werden. 

Vor allem aber fertigt er Hocker, die gerade jetzt in der regenreichen Monsunzeit, wenn alles unter Wasser steht, eine trockene Sitzgelegenheit bieten. Und das Tollste: Er, der Behinderte, leitet darin andere Männer an, Gesunde aus der Zeltstadt, die normalerweise jeden Kontakt mit ihm meiden würden. Kamal ist sehr stolz, dass er auf diese Weise einen Beitrag leisten kann, damit es der Bevölkerung nach dem großen Erdbeben besser geht. Und so kann Shanti als Organisation zeigen, wie nützlich und sinnvoll es ist, die Begabungen und Fähigkeiten der behinderten Menschen zum Wohle aller zu nutzen und wertzuschätzen. 

Bambusstäbe werden in Streifen geschnitten und unter Anleitung Kamals zu Hockern geflochten.
 
Die Frauen schneiden Stoffreste in Streifen und fertigen daraus die bunten Quadrate für die Flickenteppiche.

Nanda Thane

Und noch ein weiteres Schicksal hat uns sehr berührt: Nanda Thane wurde an der Wirbelsäule schwer verletzt, als er beim zweiten großen Beben seinen fünfjährigen Sohn rettete. 

Seit einigen Wochen ist er im Spinal Injury Center und so langsam fängt er an zu begreifen, dass er nie wieder wird laufen können. Er wird lebenslang auf den Rollstuhl angewiesen sein. Das verdunkelt seine Seele sehr, und wir bemühen uns, ihm klarzumachen, dass er trotzdem ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft bleiben wird. Das Schicksal von Kamal Bahadur zeigt das nur zu deutlich.

Wir bemühen uns nun, ihm die Perspektive aufzuzeigen, dass er von Kamal lernen kann, Dinge zu produzieren, die ihn sein eigenes Geld verdienen lassen, ganz abgesehen von der Hilfe, die wir ihm und seiner Familie bei Shanti bieten können. Wir hoffen, dass er damit neuen Lebensmut schöpfen und auch seine Lebensfreude zurückgewinnen kann. 

Die Situation in Kathmandu und Nepal insgesamt ist immer noch sehr verzweifelt. Durch den Monsun regnet es täglich in Strömen, und die Wassermassen setzen die Zeltstadt regelrecht unter Wasser (siehe Foto oben). Feldbetten gibt es kaum, sodass die Menschen mitten in den Pfützen schlafen müssen. Auch die Kleidung trocknet kaum, ganz abgesehen davon, dass die Menschen ohnehin nur wenig zum Wechseln haben. 

Unsere Freundin Sangita vom Dwarikas Hotel hat in der von ihr betreuten Zeltstadt Unterricht für Analphabeten organisiert (Foto ganz oben). Die Shanti-Schreiner haben dafür aus alten Paletten Schulbänke gezimmert (Foto oben). So gibt es immer wieder Hoffnung und neue Perspektiven. 

In der Station ist der Schulunterricht inzwischen alltäglich geworden. Vor kurzem haben die Schüler eine Aktion zum Anbau von Reis gestartet (Foto oben) – so können sich alle immer wieder für die Allgemeinheit nützlich machen. 

Nepal

Die Schule hat begonnen!

Der erste Schultag in den neuen Räumen im Zentrum in Tilganga

Da die Schul- und Internatsgebäude in Budhanilkhanta abgerissen werden müssen, haben wir die Schule kurzerhand ins Zentrum nach Kathmandu verlegt. Alle Bewohner sind etwas zusammengerückt, die großen Räume wurden durch Holzabtrennungen geteilt – so entstanden ausreichend Klassenräume für unsere Schulkinder. Die Schreiner haben fleißig die Tische neu gehobelt und geschliffen. Alle Kinder haben mit angepackt, um die Materialien – Stühle, Tische, Tafeln, Unterrichtsmaterialien – in die neuen Räume im 2. Stock über der Armenküche zu transportieren. 

Da es noch nicht wieder genügend Strick- und Häkelnadeln für den Unterricht gab, legten Schüler und Lehrer selbst Hand an und schnitzten sich ihre Materialien aus Bambusstäben. 

Der Schulbeginn am 1. Juni wurde so zum großen Fest – zur Feier des Tages gab es frisches Obst, und die Räume wurden mit Blumen geschmückt. Alle sind froh über dieses Stückchen Alltag, der nach den Unruhen des Bebens so durcheinander geschüttelt worden war. Der vertraute Rhythmus gibt kleinen und großen Seelen eine wohltuende innere Stütze. 

Immer noch bebt die Erde täglich. Es ist kaum vorstellbar – aber es vergeht kein Tag ohne dass der Boden wackelt.

Die Menschen müssen zudem noch Angst vor Leoparden und Schlangen haben, die in den Ruinen nach Beute suchen. Sogar in den Zeitungen findet das Beachtung (siehe Foto links). 

Eine Gruppe indischer Geistlicher aus Kerala in Südindien baute mit den Bewohnern von Budhanilkhanta zusammen Notunterkünfte aus Wellblech. Sie halten sogar den Regengüssen des Monsun stand.

Wir werden dort keine neue Schule mehr errichten, sondern das Gelände für den Obstanbau nutzen – die Wurzeln der Bäume halten den Boden fest, sodass das abschüssige Gelände nicht mehr so leicht abrutschen kann. 

Die Erde ist sehr fruchtbar, und die Obstbäume tragen reichlich Früchte. 

Wolle wickeln, Plastiktüten in Streifen schneiden – nützliche Tätigkeiten, an denen sich alle beteiligen können und die ablenkt von den Schrecken der Vergangenheit. 

Wir haben robuste Nähmaschinen gekauft und lassen nun für die Flüchtlinge aus gespendeten Textilien neue Kleidung nähen. So werden aus einem Anzug in Übergröße aus Amerika (für korpulente US-Bürger vielleicht gerade richtig, aber für zarte Nepali-Figuren völlig unbrauchbar!) zwei bis drei Anzüge "Nepali-Size". 

Farbenfroh sind die Decken, die auf den Rhadi-Webstühlen aus Wolle gewebt werden. 

Außerdem konnten wir noch einmal mehrere hundert Kilo reine Wolle erstehen, die jetzt fleißig gewickelt und zu wärmenden Jacken verstrickt bzw. auf den traditionellen Nomaden-Webstühlen zu großen Decken verarbeitet wird, die im Winter gebraucht werden. Denn da sind vor allem die Nächte eisig kalt. 

Große Sorgen macht uns das Nachbargebäude neben der Klinik in Kathmandu. Der Besitzer hat unerlaubt ein drittes Stockwerk aufgesetzt, das dem Erdbeben nicht standgehalten hat und nun unser Klinikgebäude belastet. Sollte das Haus ganz einstürzen, wird das nicht ohne Folgen für unsere Gebäude bleiben. Wir sind deshalb bereits mehrfach bei den Behörden vorstellig geworden – bisher ohne Erfolg. Nun haben wir auch die Deutsche Botschaft mit einbezogen – in der Hoffnung, dass diese Autorität mehr bewirken kann. Denn letztlich sind unsere Gebäude auch mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gebaut worden – es besteht also auch regierungsseitig ein Interesse daran, dass hier nicht unnötig Schaden entsteht. 

Dr. Shruti (hinten) versorgt im Medizin-Zelt zusammen mit zwei Krankenschwestern die Patienten.

Die Angst vor einstürzenden Gebäuden lässt die Menschen weiterhin in Zeltstädten ausharren. Wir unterstützen hier unsere Freundin Sangita Shrestha, die Besitzerin des Dwarikas Hotels, die eine Zeltstadt für 320 Obdachlose errichtet hat.

Aus Plastikstreifen werden Matten gehäkelt (im Vordergrund), Bambusstäbchen zu Strick- und Häkelnadeln geschliffen (hinten). 

40 Kilogramm Wolle wollen gewickelt werden! 

Wir veranstalten Kurse für Stricken, Häkeln und Nähen. Wir zeigen, wie man aus Bambusstäben Strick- und Häkelnadeln schnitzen kann und sie mit Bienenwachs einreibt, damit die Nadeln schön griffig werden. Aus alten Autoreifenschläuchen nähen wir Matten, mit denen die Zeltböden ausgelegt werden können, um sie vor Wasser und Schlamm zu schützen. Wir zeigen, wie man aus Plastikstreifen (z.B. aus alten Plastiktüten und -resten) bunte Matten häkelt, die zusätzlichen Schutz vor Kälte und Nässe bieten. Wir haben eine Spende von 200 Euro in 40 Kilogramm reine Wolle umgesetzt, die gewickelt werden muss. Wir zeigen, wie man aus der Wolle Stirnbänder mit Ohrenklappen herstellt, Mützen häkelt, Jacken, Pulswärmer und Stulpen strickt...

Es war eine Freude zu sehen, wie eifrig die Frauen bei der Sache waren: unsere Handarbeitslehrerin in der Mitte, jeweils eine Frau rechts und links neben ihr, und dann ging's los. Auch das Wollewickeln war eine sehr gesellige Angelegenheit: Jeweils zwei Frauen saßen sich gegenüber, die eine hielt den Strang, die andere wickelte, und dabei wurde munter geschwatzt und gelacht. 

Im Medizin-Zelt macht unsere Dr. Shruti jeden zweiten Nachmittag Praxis und verarztet die Kranken. Sie hat immer zwei Krankenschwestern dabei, so kann sie noch effektiver arbeiten. 

Ein besonderer Glücksfall war, dass wir über unseren Freund Peter Effenberger von One World etliche hundert Zeltplanen ergattern konnten, die wir über Beziehungen noch so rechtzeitig aus dem Zoll bekamen, dass wir nicht die seit 3. Juni geltenden 46 Prozent Einfuhrzoll (!!!!!) bezahlen mussten. Aus diesen Planen können wir richtige Zelte nähen, die auch heftigen Monsun-Sturmböen standhalten. Die Zelte, in denen die Menschen häufig hausen, stammen nämlich aus den arabischen Ländern und sind zwar gut gegen Sandstürme und Wüstensonne, aber nicht regendicht ... Wir werden diese nun mit den zusätzlichen Planen so abdichten, dass die Menschen und das wenige Hab und Gut, das ihnen geblieben ist, trocken bleiben. 

Unsere Schneider haben eine "Produktionsstraße" eröffnet, wo ein Zuschneider für fünf Schneider die frisch zugeschnittenen Schuluniform-Teile zurechtlegt, die dann rasch zusammengenäht werden können – und die Schulkinder fühlen sich nicht mehr ausgegrenzt, sondern sind gekleidet wie alle anderen Schülerinnen und Schüler auch. Außerdem ließen wir aus alten Autoschläuchen und -reifen Schuhe und Sandalen nähen (Foto links). Und wir haben ihnen Füller spendiert – nun brauchen sie nur noch Bücher und Hefte. 

Da an diesen Arbeiten viele unserer Patienten beteiligt sind, sehen die Zeltstadt-Bewohner, wie geschickt sie auch mit ihren leprageschädigten Händen sind. Der Kontakt zwischen diesen Menschen, die sonst aus der Gesellschaft ausgestoßen werden und ihr Dasein als Bettler fristen müssen, und der "normalen" Bevölkerung trägt dazu bei, Vorurteile und Ängste abzubauen. 

Um die Menschen hoffnungsvoller zu stimmen, werden wir ein "Märchenzelt" nähen lassen. Das ist ein großer Reifen, von dem farbige Stoffbahnen herabhängen. Darin sitzt auf bunten Kissen eine unserer Lehrerinnen, die eine hochbegabte Geschichtenerzählerin ist, und erzählt Märchen aus nepalesischer Überlieferung.

Auf diese Weise wollen wir auch die Erinnerung an die schöne Heimat wach halten. Vielleicht kommen ja auch ein paar Zeltstadt-Bewohner und erzählen selbst Geschichten. Je mehr die Flüchtlinge ihre Heimat in guter Erinnerung behalten, desto eher schieben sich positive Bilder über die Greuel des Erlebten. 

Es wird ein langer Weg sein, bis die Bevölkerung Nepals wieder Vertrauen in eine gesicherte Zukunft wird entwickeln können. Wir sehen es als unsere Aufgabe, ihnen praktische Hilfe zukommen zu lassen, die ihr Leben erleichtert und sie vor Krankheiten bewahrt.