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Breaking NEWS:

In der WELT erschien am 14. April 2016 ein sehr lesenswerter Artikel von Tobias Kaiser über die aktuelle Situation in Nepal – ein Jahr nach dem großen Beben. 

Frisch gebloggt: Meine sechs Wochen bei Shanti

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.”
(Albert Schweitzer)

Berichte, Interviews, Nachrichten aus der
Shanti Leprahilfe

Die Shanti Leprahilfe bietet Menschen in Nepal eine Zuflucht, um die sich dort niemand kümmert: Obdachlosen, Versehrten, Waisen, verstoßenen Frauen und Mädchen, Menschen mit Behinderung. Bei Shanti finden sie ein Dach über dem Kopf, Arbeit, Essen, Schule, medizinische Versorgung. Shanti gibt den Menschen ihre Würde zurück und einen Platz in der Gesellschaft. Weitere Informationen: www.shanti-leprahilfe.de

Nepal

Schule

Meine sechs Wochen bei Shanti

Die Berliner Lehrerin Monika di Donato war im Rahmen ihres Sabbat-Jahres gemeinsam mit der Eurythmistin Ingrid Schweitzer von Mitte März bis Anfang Mai 2016 für sechs Wochen bei der Shanti Leprahilfe in Kathmandu und arbeitete u.a. an der dortigen inklusiven Waldorfschule mit. Hier ist ihr Bericht. 

Monika Di Donato (oben MItte links) und Ingrid Schweitzer werden vom Lehrerinnen-Kollegium mit Geschenken verabschiedet. 

Die nepalesischen Lehrerinnen waren vor allem an dem Lehrplan der sechsten, siebten und achten Klasse interessiert, und so konnte ich aus meinen pädagogischen Erfahrungen berichten und einen Einblick in unterschiedliche Epochen geben. Es entstand ein mehrtägiges Programm, in dem sich praktisches Tun, Vortragsarbeit und gemeinsamer Austausch abwechselten.

Einen Schwerpunkt bildete die Geometrie in der 6. Klasse, da ich dank einer großzügigen Spende aus unserem Schulumfeld das zugehörige Werkzeug, die schönen Waldorfzirkel, mitbringen konnte. Buddha, ein Junge, der aufgrund eines Hirnschadens spastisch verdrehte Arme hat, benutzte den Zirkel geschickt mit den Füßen.

Das Lehrerinnen-Kollegium bei der Eurythmie.

Ingrid Schweitzer ergänzte die Inhalte der Epochen stets mit Eurythmie. Gerade in der Geometrie ist die Verbindung zur Eurythmie wertvoll. Wir waren sehr beeindruckt, wie schön und leicht die Lehrerinnen die eurythmischen Bewegungsformen umsetzten. Innerhalb kurzer Zeit haben sie die Dreiecksverschiebung mit dem „Prolog im Himmel“ einstudiert und am letzten Tag unserer gemeinsamen Arbeit den Schülern vorgeführt. In den darauffolgenden Tagen wurden die Schüler und Schülerinnen der 6. und 7. Klasse von Rabina, der Schulleiterin, in die Arbeit mit den Zirkeln eingeführt. Eifrig arbeiteten sie an den geometrischen Formen. 

Die Schülerinnen und Schüler sind zur Zeit in den Räumlichkeiten der medizinischen Ambulanz und den angegliederten Reha-Werkstätten untergebracht. Das frühere Schulgebäude, das in der Shanti-Dependance in Budhanilkhanta im Norden Kathmandus untergebracht war, ist durch das große Erdbeben im April 2015 komplett zerstört worden.

Morgendlicher Flötenunterricht auf der Dachterrasse – im Hintergrund trocknen die bei Shanti aus Altpapier und Holzspänen hergestellten Bio-Briketts, die für die Kochstellen benötigt werden. 

Jetzt ist die räumliche Situation sehr eng, und die Lehrkräfte, aber auch die Schülerinnen und Schüler müssen viel improvisieren. Der guten Stimmung tut das keinen Abbruch – überall wird man mit einem freundlichen Lächeln und dem nepalesischen Gruß „Namaste“ empfangen. Das morgendliche Flötenspiel tönt durch die zum Teil noch im Bau befindlichen Räume, während die Nähmaschinen in den Reha-Werkstätten zu rattern beginnen. Es ist ein offenes Haus, ein lebendiges Tun, an dem alle teilhaben.

Mädchen aus der Shanti-Schule führen einen nepalesischen Volkstanz auf. 

Am Jahrestag des Erdbebens, dem 24. April, durfte ich eine sehr eindrucksvolle Monatsfeier in Gedenken an diesen Tag miterleben. Die Schüler und Schülerinnen haben aufgeführt, was sie mit dem notfallpädagogischen Team der Freunde der Erziehungskunst e.V. nach dem Erdbeben erarbeitet haben, ergänzt mit musikalischen Elementen ihres Schulalltags. Es wurden persönliche Lieder und Gedichte vorgetragen, sowie rhythmische und soziale Gruppenübungen vorgeführt. In farbenfrohen Kostümen zeigten junge Mädchen einen nepalesischen traditionellen Volkstanz, denn das Fach „Volkstanz“ gehört in den wöchentlichen Fächerkanon. Die Zuschauer waren sichtlich begeistert und klatschten anfeuernd im Takt.

Flöten-Vorspiel im Rahmen der Feier zur Erinnerung an das schwere Erdbeben am 25. April 2015 im Innenhof der Hape-Kerkeling-Klinik. 

Die Feier fand in dem großen runden Innenhof der Hape-Kerkeling-Klinik statt, so dass auch wartende Patienten der Ambulanz und die BewohnerInnen des Pflegeheims an der Feier teilhaben konnten. Zum Schluss der Veranstaltung kam eine wartende Patientin auf die Bühne und bedankte sich sehr gerührt für das schöne Erlebnis. Sie sagte, sie könne jetzt wieder nach Hause gehen, denn diese wunderbare Aufführung habe sie ihre Krankheit vergessen lassen und sie fühle sich jetzt wieder ganz gesund. Ein schöner Abschluss für diese gelungene Veranstaltung!

Die sechs Wochen bei Shanti waren eine unvergessliche Zeit für mich – ein inspirierender Ort, an den ich gewiss noch einmal zurückkehren werde!

Alle Fotos: (c) Monika Di Donato

Nepal

Nepal ein Jahr nach dem großen Beben

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ein verheerendes Erdbeben das Land erschütterte. Viele Menschen, die die Shanti-Leprahilfe in dieser Zeit unterstützt haben, werden sich fragen: Was ist in der Zwischenzeit passiert? Hat meine Hilfe etwas bewirkt? Wie geht es den Menschen vor Ort? Hier der Bericht von Marianne Großpietsch, die erst vor wenigen Tagen aus Nepal zurückgekehrt ist: 

"Zunächst einmal: Ihre finanzielle Unterstützung war lebensrettend und -erhaltend! Sie haben uns ermöglicht, unmittelbar Not-wendendes zu tun und Langzeithilfe zu initiieren. Dafür schon vorab ein großes Dankeschön! 

Hier werden Patienten kostenlos medizinisch versorgt. 

Unmittelbar nach dem Beben hatten mein Sohn Heiko und ich für eine knappe Woche unter Zeltplanen Unterschlupf gefunden, gemeinsam mit 10 VolontärInnen, einigen Patienten, der Familie unseres Hausvaters, dem fünfköpfigen mexikanischen Filmteam, das gerade bei uns war, und etlichen Gestrandeten. Der Monsunregen hatte bereits eingesetzt – hunderte von Menschen lebten auf dem freien Platz, teilten sechs Toiletten und wurden von der Regierung mit Reis und Gemüse auf abgerissenen Zeitungsblättern versorgt. Immer wieder bebte die Erde nach und löste Angst und Schrecken aus.

Inzwischen hatte Bijendra, unser getreuer Junior Manager, im Zentrum die Hilfsaktionen in die Hand genommen: Er öffnete die Toilettenanlagen in der Klinik für die umliegende Bevölkerung (wir haben insgesamt 28 Einzeltoiletten bei Shanti.). In den ersten Tagen gab es keinen Strom. Bei unseren Nachbarn, der Augenklinik, war die Photovoltaik-Anlage durch die Wucht des Bebens vom Dach gestürzt. Unsere jedoch hatte Stand gehalten, und so installierte Bijendra Dutzende von Steckdosenleisten, sodass die sorgenvollen Menschen aus der Nachbarschaft ihre Mobilphone aufladen konnten. Sie wollten ja unbedingt ihre Verwandten in den Dörfern anrufen und hören, ob sie überlebt hatten. Da gab es viele Tränen zu trocknen ... Eine unsere Patientinnen zum Beispiel verlor neun Familienmitglieder, die unter ihrem zusammenstürzenden Elternhaus begraben worden waren.

Neben  den Steckkontaktleisten wurde auch unsere Wasserpumpe durch Photovoltaik mit Energie gespeist: es gab also Wasser in der Station – ein Segen! 

Die fleißigen Großmütter sind stolz auf die von ihnen gewebten Flickenteppiche, die in den Zeltlagern vor Kälte und Nässe schützen. 

Inzwischen hörten wir immer mehr erschreckende Details über das Ausmaß der Schäden: Unser Dorf in Budhanilkanta, die Schule, das Internat und das Heim für die behinderten Kinder waren irreparabel zerstört. Wie durch ein Wunder hatten aber alle Kinder und Erwachsenen unbeschadet überlebt. Wir schickten Zelte, Essen und wärmende Decken. Die Straße war zum Glück befahrbar.

Als wir wieder ins Zentrum zurückkonnten, begannen wir, hunderte von Plastiktüten mit Trockennahrung zu füllen: Keksen, Salzstangen, Nüssen etc. Damit beluden wir unsere Pick-ups und fuhren in entlegene Dörfer, wo die Menschen hungerten. Unsere Ärztin fuhr mit und behandelte noch unversorgte Wunden, Knochenbrüche und andere Verletzungen. 

Im Zentrum selbst kochten wir noch größere Mengen an Essen, und jeden Nachmittag verorgten wir zusätzlich noch die HelferInnen des deutschen Technischen Hilfswerks am nahegelegenen Flughafen. Sie waren dort, um als vermisst gemeldete deutsche Touristen zu registrieren. Viele Trekking-Touristen waren in entlegenen Orten (z. B. Langtang, das mit am schwersten betroffen war) von dem Beben und Erdrutschen überrascht worden – nun bangten die Familien in Deutschland, ob ihre Angehörigen überlebt hatten. Allerdings war nicht daran gedacht worden, diese geduldig ausharrenden HelferInnen mit Essen zu versorgen – umso mehr freuten sie sich über die von unserem Koch Gyanu zubereiteten gefüllten Teigtaschen und Pfannkuchen. 

Action Medeor hatte sofort nach dem Beben eine Hilfssendung auf den Weg gebracht, und in dem Chaos am Flughafen gelang es Heiko tatsächlich, 1,2 Tonnen Medikamente und 13 Wasserfilter ("PAUL") direkt auf dem Flugfeld auf unseren Laster zu laden und ins Zentrum zu transportieren.

Immer noch werden Menschen im wahrsten Sinne des Wortes vor unserem Zentrum "abgelegt" – auf dem Foto links war es ein Diabetiker, der kein Geld für Insulin hatte und gestorben wäre, wenn wir uns nicht um ihn gekümmert hätten. 

Dank der PAULs konnten wir keimfreies Trinkwasser an die Nachbarschaft ausgeben – unsere Sorge vor einem Typhus- oder Cholera Ausbruch war natürlich groß, denn angesichts des Monsuns wuchs diese Gefahr sprunghaft. Weitere 10 PAUL-Wasserfilter verteilte Heiko an Institutionen  wie Klöster, die ebenfalls viele Gestrandete versorgten, sowie auf von der Polizei bewachte Plätze und Schulen, um sicherzustellen, dass das Trinkwasser auch wirklich dort ankam, wo es gebraucht wurde: bei der Bevölkerung.  

Die PAULs sind dafür ideal: Sie haben eine Lebensdauer von ca. 10 Jahren und liefern täglich 1.200 Liter Trinkwasser. Geht man davon aus, dass pro Person drei Liter Trinkwasser täglich nötig sind, versorgen unsere PAULs an jedem Tag 5.200 Menschen mit keimfreiem Wasser! 

Drei PAULs haben wir im Zentrum in Tilganga installiert, denn in unserer Nachbarschaft wohnen viele arme und bedürftige Menschen, die sich weder Essen noch sauberes Wasser leisten können. Zwei PAULs stehen auf der Balustrade der Klinik, dort sind sie vor Diebstahl geschützt, und die direkt davon ausgehenden Leitungen führen zu großen Wasserbehältern. Sie haben wir mit fünf Hähnen versehen, damit die Frauen und Kinder nicht so lange anstehen müssen, bis sie ihre Wassergefäße gefüllt haben (anderswo dauert das Stunden). 

Der große Vorzug der PAULs ist, dass sie wirklich keimfreies Wasser liefern. Denn das Wasser aus den Tankwagen, mit dem ein Großteil der Bevölkerung versorgt wird, ist natürlich Brauchwasser und somit keimbelastet. Nun arbeiten wir daran, möglichst viele der neu entstehenden Schulen (mehrere tausend sind zerstört) mit einem PAUL ausstatten zu können und stehen dafür mit der Botschafterin der EU, Reensje Terink, in Kontakt, die diese Idee unterstützt. 

Die Medikamente der Action Medeor erwiesen sich als Segen: Es kam nämlich zu einer fünfmonatigen Blockade der indischen Grenze und damit zu einem Importstopp. Auch für die dringend benötigten Arzneimittel wurde keine Ausnahme gemacht. So waren wir mehr als froh, wenigstens in unserer Klinik die Bedürftigen medizinisch versorgen zu können. 

Inzwischen hatte unsere Freundin Sangita Shrestha, die Mitbesitzerin des Dwarikas Hotels, 320 Überlebende aus den zerstörten Dörfern in Sindhupalchowk (nahe der Grenze zu Tibet) in einem Lager auf einem Sportplatz untergebracht. Die dort errichteten Zelte waren gespendete Wüstenzelte ... Sie schützten zwar gegen Wind und Sonne, aber sie waren nicht regendicht! Also nähten unsere Shanti-Schneider zwei Monate lang Zelte aus festen, wasserdichten Planen, fertigten Gummimatten aus alten Reifenschläuchen, Heiko installierte eine PAUL-Trinkwasseranlage, dafür mussten große Container besorgt werden. In einem Behandlungszelt leisteten Ärzte Erste Hilfe und konnten die Bedürftigen mit den Medikamenten der Action Medeor versorgen.

Am Waschplatz errichtete Heiko eine Solar-Warmwasseranlage, damit die Mütter ihre Neugeborenen nicht mit eiskaltem Wasser waschen mussten.

Früh übt sich: Auch die Kleinen helfen fleißig mit, die Flickenteppiche zusammenzunähen. 

Außerdem etablierten wir ein "Handwerkszelt" mit Nähmaschinen, um die Frauen mit sinnvollen Arbeiten zu beschäftigen – für sie war es am schlimmsten, untätig herumsitzen zu müssen und nichts machen zu können. Inzwischen betreut unsere Shanti-Handarbeitslehrerin die Frauen nun schon seit elf Monaten. Diese verdienen sich ein Zubrot durch Recycle-Papierprodukte. Außerdem kauften wir für 1000 Euro Schafwolle, aus denen die Frauen Pullover, Mützen und Jacken für den Winter stricken konnten. Auch in Zukunft sollen sie durch Handarbeiten etwas Geld einnehmen können. 

Die Kinder aus Budhanilkanta evakuierten wir kurzerhand in unser Zentrum in Kathmandu. Es war zu gefährlich, sie in den jederzeit vom Einsturz bedrohten Gebäuden zu lassen. Wenn alle im Zentrum etwas zusammenrückten, so konnten wir sie dort durchaus noch mit aufnehmen, und auch der Unterricht konnte weitergehen. Jede verfügbare Ecke wird genutzt und ausgebaut, damit wir die SchülerInnen unterrichten können. Auch hier ist die Erdbebensicherheit das wichtigste Ziel. Denn immer noch erschüttern mehr oder weniger schwere Beben die Erde. 

Am 25. April, dem Jahrestag des Erdbebens wollten wir die Kinder jedoch nicht so sehr an die Schrecken erinnern, sondern ihnen eine Freude machen und eine Zukunftsperspektive geben. Noch immer sind ja täglich 13 Stunden Stromsperre hinzunehmen. Jede Familie bekommt deshalb eine Solarlampe, die sechs Stunden lang leuchtet. Das Solarpaneel zum Aufladen bleibt in der Schule, damit die begehrten Lampen nicht etwa "Beine bekommen", außerdem ist das Paneel so nach der Sonne ausgerichtet, dass es maximal Energie aufnimmt. 

Anlässlich des Geburtstags ihres Sohnes hatte Sangita Shresta vom Dwarikas Hotel Muffins mit Zuckerguss und Sahne spendiert! 

Und da der Monsun jetzt wieder naht, bekommt jedes Kind, auch die Kinder im von Sangita Shresta betreuten Zeltlager, eine Regenhaut. Und weil Obst so teuer ist, dass es sich arme Leute nie leisten können, gibt es Wassermelone für alle – die Melonen werden gerade geerntet und sind daher am günstigsten.

Einen Wermutstropfen gab es dennoch für uns: All die vielen Pakete mit Kinderkleidung, die uns zugeschickt wurden, konnten wir nicht ins Land bringen – wir bekamen dafür keine Einfuhrgenehmigung von den Regierungsstellen. Schon daran sehen Sie, wie absurd der Zustand im Land ist. Wir haben die Kleidung deshalb jetzt an Heime für behinderte Kinder in Novi Sad und Tadschikistan geschickt – wir haben die Kartons selbst mit verladen und erhielten Fotos aus den Heimen, dass die Sendungen gut angekommen sind. So konnten wir sicher sein, dass die Spenden auch hier einem guten Zweck zugeführt wurden. 

Noch immer ist die Situation im Land katastrophal – die Medien berichteten darüber gerade in diesen Tagen, zum Beispiel DIE WELT. Insgesamt wurden über 3,65 Milliarden Euro (!) an Hilfsgeldern nach Nepal überwiesen oder fest zugesagt. Verteilt wurden davon bis jetzt 275.000 Euro für den Wiederaufbau der schätzungsweise 600.000 zerstörten Häuser – das sind 0,0075 Prozent der Hilfsgelder. Die Menschen leben weiterhin vorwiegend in den – inzwischen recht maroden – Zelten und Behelfsbehausungen. 

Zum Vergleich: In dieser Zeit halfen wir der Shanti-Familie und anderen Bedürftigen mit 551.000 Euro Spendengeldern und Sachspenden im Wert von 80.000 Euro, insgesamt also 631.000 Euro. Das sind rund 220.000 Euro mehr, als wir in „normalen“ Jahren für unsere Arbeit brauchen. Dass wir so direkt und unbürokratisch helfen konnten, verdanken wir Ihnen, lieber Spenderinnen und Spender! Dafür nochmals unseren tief empfundenen Dank! Bleiben Sie uns treu! 

NepalKinder

Welt-Lepra-Tag bei Shanti in Kathmandu

Seit 1954 wird am letzten Sonntag im Januar zum Welt-Lepra-Tag aufgerufen. Dieser Termin wurde gewählt in Erinnerung an den Todestag von Mahatma Gandhi, der sich für Leprakranke sehr engagiert hat. 

Seinerzeit war es noch nicht möglich, Lepra zu heilen. Heute ist das zwar machbar, aber die Krankheit noch längst nicht ausgerottet. Jährlich erkranken immer noch 230.000 Menschen daran – die Dunkelziffer ist weitaus höher. Daher ist der Welt-Lepra-Tag immer noch aktuell und inzwischen eine feste Institution in etwa 130 Ländern der Welt. 

Der Demo-Zug der SchülerInnen und Studierenden

Zum diesjährigen Welt-Lepra-Tag jaben Ritu Pant, Angshu Neupane, Samana Parajuli, Sneha Joshi und Sushmita Bhadari, Studierende für Sozialarbeit am St. Xavier's College in Kathmandu, gemeinsam mit SchülerInnen der 6. Klasse und des Hostels einen Demonstrationszug durch Tilganga und die nähere Umgebung (vor allem in den Stadtteilen Pingalasthan und Gaushala) gestartet, um auf das Lepra-Problem aufmerksam zu machen. Sie wollten die Menschen informieren, dass Lepra durch rechtzeitige Diagnose und Behandlung – zum Beispiel in der Hape-Kerkeling-Klinik von Shanti in Kathmandu – heilbar ist. 

Solche Aktionen sind leider auch heute noch dringend nötig, denn in der nepalesischen Gesellschaft gibt es große Vorbehalte gegenüber kranken und behinderten Menschen. 

Der Demo-Zug für eine sauberere Umwelt  im Dezember 2015 startete im Shanti-Zentrum in Tilganga ... 

Die Studierenden leisten ihre Praxisstunden an zwei Tagen in der Woche in unterschiedlichen Bereichen im Shanti-Zentrum ab. Sie haben einen Aktionsplan aufgestelt, um einen kleinen Beitrag zu leisten, die nepalesische Gesellschaft zum Besseren zu verändern.

... aber davor wurde erst einmal das Zentrum saubergemacht! 

Dazu gehörte auch ein Umwelt- und Putztag bei Shanti mit allen SchülerInnen sowie eine Demonstration unter dem Motto "No pollution is the better solution" (keine Umweltverschmutzung ist die bessere Lösung).

Der Demo-Zug bewegt sich durch das Stadtviertel

Der Demo-Zug der Schulkinder war in zwei Bereiche aufgeteilt:

- ein Teil der Kinder trug Plakate mit Parolen auf Englisch und Nepali, die sie auch gerufen haben;

- die anderen Kinder sammelten entlang der Strecke des Demo-Zuges den Müll von der Straße ein. 

Das Ergebnis dieser Aktion hat ein Schüler der sechsten Klasse ganz herzerfrischend und lebensnah im Gespräch mit einem Freund zusammengefasst:

"Es ist eine schreckliche, erniedrigende und schmutzige Arbeit, den Müll anderer einzusammeln – ich werde nie mehr meinen Abfall auf die Straße werfen!" 

 

KinderSchule

“Musik ist die gemeinsame Sprache der Menschheit”

Dieser Satz des amerikanischen Schriftstellers Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882) stand Pate für ein Projekt, das die beiden deutschen VolontärinnenIlona Martijn und Laura Krämer bei Shanti schon Ende 2015 gestartet haben: Geigen für die Shanti-Waldorfschule! Hier ist ihr Bericht:  

Die beiden Volontärinnen spielen für die Shanti-Kinder

"Als neue Volontärinnen bei Shanti stellte sich uns zunächst die Frage, in welchem Bereich wir uns engagieren wollten. Das stand uns völlig frei, was angenehm und herausfordernd zugleich war. Die Schulleiterin Rabina sagte zu uns, wir sollten das machen, was wir am liebsten tun, wo wir mit ganzem Herzen dabei sind. Da ergab sich für uns nach anfänglicher Orientierungslosigkeit doch sehr schnell, dass wir etwas mit Musik machen wollen. 

Die Musik ist für uns etwas, was uns sehr erfüllt, und weil wir damit schon zu zweit waren, wurde daraus sehr schnell eine konkrete Idee: Wir wollten den Schulkindern Geigenunterricht geben.

Geigen-Unterricht für die Internatskinder am Nachmittag

Bei einem Orchesterprojekt, auf das wir hier in Kathmandu aufmerksam wurden, lernten wir einen nepalesischen Geigenlehrer kennen, der sofort von unserer Idee begeistert war.Auch in Deutschland stieß unser Projekt auf  positive Resonanz, und es ist bereits eine beachtliche Summe an Spendengeldern eingegangen. Damit stand fest, dass das Projekt in die Tat umgesetzt werden würde. Unser Ziel ist es, den Kindern zu ermöglichen, ein Musikinstrument zu erlernen und später einmal gemeinsam musizieren zu können. Bis unsere Initiative jedoch zu einem Selbstläufer wird, ist noch ein weiter Weg zu gehen.
 
Gemeinsam mit der Schulleiterin und dem nepalesischen Geigenlehrer besprachen wir, wie das Projekt beginnen sollte.Zunächst wollten wir klassenweise mit dem Geigenunterricht beginnen. Jedes Kind sollte die Chance haben, die Geige auszuprobieren, bis sich herausstellen würde, welche Kinder das Instrument ernsthaft erlernen wollen.Rabina war hellauf davon begeistert, Geigenunterricht an der Schule anbieten zu können, und die Neugier der Kinder war ebenfalls schnell geweckt, nachdem wir ihnen einige kurze Stücke vorgespielt hatten.

Nun galt es, die Instrumente zu beschaffen. An dieser Stelle danken wir herzlich den vielen Spendern, die uns die finanziellen Sorgen sehr schnell nahmen. Was blieb, waren die organisatorischen Hürden: Aufgrund politischer Uneinigkeiten sind die Grenzübergänge zu Nepal bereits seit Monaten geschlossen, so dass kaum Waren über die Grenze ins Land kommen. Die Geigen, die wir für die Kinder organisieren wollten, werden in China produziert. In Nepal selbst werden keine Geigen hergestellt, für die nicht zumindest die fertigen Einzelteile aus China oder Indien kommen. Durch die großen Erdbeben im April und Mai letzten Jahres ist die Handelsstraße zwischen Nepal und China zerstört, was zur Konsequenz hat, dass alles, was aus China importiert wird, seinen Weg über Indien nach Nepal finden muss. Durch die geschlossenen Grenzübergänge war das nun auch nicht mehr möglich. 

Es war also unklar, wie lange es dauern würde, bis die Läden in Kathmandu wieder ausreichend Geigen in den passenden Größen haben würden.Zu unserer Freude fanden wir einen Laden der noch Geigen vorrätig hatte, und innerhalb weniger Tage konnten wir den Kauf abschließen. Diese Geigen waren zwar noch nicht in dem Zustand, wie wir es aus Europa gewohnt sind. Es waren jedoch alle Teile vorhanden, so dass es uns gelang, zehn Geigen an einem Nachmittag spielbereit zu machen.

Vorspiel mit den Drittklässlern – stolz zeigen sie den anderen Schulkindern, was sie bereits gelernt haben!

Nachdem wir das Projekte etwa eine Woche lang vorbereitet hatten, begannen wir, in der 3. und 6. Klasse Musik- und Geigenunterricht zu geben. Die Kinder sind alle sehr am Geigen interessiert und teilweise sehr begabt. Da wir nicht genügend Geigen für eine ganze Schulklasse haben und wir mit 20 Kindern, die alle gleichzeitig spielen, überfordert wären, suchten wir nach anderen Wegen, alle Kinder zu fördern. So nahmen wir beispielswese dünne Stöcke, um gemeinsam Bogenübungen zu machen. Außerdem klatschten wir Rhythmen und sangen Lieder.

Zu Beginn war die 6. Klasse noch etwas zurückhaltend und unsicher, während sich die Drittklässler ganz unbefangen ins Geschehen stürzten, allerdings war es schwierig, sie bei der Stange zu halten. Sie bevorzugten es, bereits bekannte Lieder zu singen... Das Einstudieren neuer Lieder ließ den einen oder anderen gerne mal abdriften. Nach einigen Stunden waren auch die Sechstklässler aufgetaut, sie liebten vor allem das Singen. 

Gemeinsames Vorspiel 

Am Freitag vor Weihnachten brachten wir die erste Phase zum Abschluss. Beide Klassen zeigten der Schule, was sie bis jetzt auf der Geige gelernt hatten und sangen jeweils zwei Lieder, die wir in den vergangenen Wochen eingeübt hatten. 

Seit wenigen Wochen bekommt nun auch die 4. und 5. Klasse Musik- und Geigenunterricht, und 17 der Internats-Kinder erhalten zusätzlich in Zweier- und Dreiergruppen Extraunterricht am Nachmittag, wo sich deutliche Fortschritte bemerkbar machen.

Obwohl der Anfang relativ reibungslos verlief, müssen wir jetzt daran denken, dass dieses Projekt auch über unsere Volontärszeit hinaus Bestand hat. Wir hoffen darauf, dass sich unsere Idee herumspricht und uns viele weitere musikalische Volontäre folgen werden. Dafür werden wir selbst unsere Freunde ansprechen und freuen uns auf Empfehlungen von jedem, der junge Musiker kennt."

Nepal

Es weihnachtet - auch in Nepal!

Es weihnachtet! Die Menschen sehen trotz Stress erwartungsvoll aus – es liegt wohl  die Sehnsucht nach Freude in der Luft. Freude wird in mir durch dieses Photo geweckt:

Es ist das Bild einer jungen Mutter aus dem nepalesischen Dorf Sindhupalchowk, das durch das große Beben im April diesen Jahres vollständig zerstört wurde. Die Überlebenden haben im "Camp of Hope" unserer Freundin Sangita Shresta Einhaus, der Besitzerin und Chefin des berühmten Dwarikas Hotel in Kathmandu, eine Bleibe gefunden. Zurzeit wird daran gearbeitet, ob es möglich ist, das Dorf am gleichen Ort wieder neu aufzubauen – denn natürlich wollen die Bewohner ihre Heimat nicht aufgeben. 

Möge dieses Bild auch bei anderen ein ähnliches Lächeln hervorlocken wie bei mir: Das winzige Kind, eingemuckelt in warme, gespendete Kleidung. Die fürsorgliche Solidarität von Nepalreisenden, die in ihren Koffern Kinderkleidung mitnahmen, wird  in  diesem Bild so herzerwärmend deutlich – diese Freude möchte ich gerade an Weihnachten teilen.

Genauso solidarisch standen so viele Menschen die Shanti Leprahilfe das ganze Jahr über mit ihrer Hilfe zur Seite. Sie haben es uns ermöglicht, Menschen zu ernähren, zu kleiden, medizinisch zu versorgen, ihnen eine Dach über dem Kopf zu geben. Wir konnten sie damit in Fürsorge einhüllen und werden das dank Ihrer Spenden auch weiterhin können. Bitte lesen Sie dazu auch unseren Weihnachts-Rundbrief, den wir auf unserer Shanti-Homepage eingestellt haben. 

Mich bewegt in diesem Jahr sehr, dass ich die Erdbeben unbeschadet überlebt habe und im Sommer nach Deutschland zurückkehren konnte. Es ist seit vielen Jahren das erste Mal, dass ich für eine so lange Zeit hier bin. Es ist für uns alle jedoch eine große Beruhigung, meinen Sohn Heiko immer wieder vor Ort zu wissen.

Seit dem großen Erdbeben habe ich viel Zuspruch und Ermutigung erfahren. Das hat mich wohl davor bewahrt, psychisch in ein Loch zu fallen. Aber immer noch zucke ich zusammen, wenn z.B. jemand an den Tisch stößt und dieser wackelt – das löst jedes Mal Fluchtreflexe in mir aus. Aber damit lerne ich umzugehen.

Ich merke auch zunehmend, wie mich die Erfahrung des politischen und gesellschaftlichen Elends in Nepal sensibilisiert für all das Gute, das wir hier in Deutschland oft als selbstverständlich ansehen. Ich denke da an unsere  relative Rechtssicherheit, die auch Korruption ahndet, wenn sie entdeckt wird, oder die Gutwilligkeit und Kompetenz so vieler PolitikerInnen, oder unsere Krankenversicherung; an das warme Duschwasser am Morgen, überhaupt: Trinkwasser überall, Elektrizität zu jeder Zeit.

Manchmal staune ich darüber wie ein Kind, vor allem wenn ich die täglichen Nachrichten aus Nepal lese. Unsere Ärztin rief  gestern an, sie hatte in ihrem Wohnviertel in Kathmandu 32 Stunden lang keinen Strom.

Ich genieße es auch, so viel Kultur zur Auswahl zu haben: Konzerte, Ausstellungen, Vorträge, Theater, unser bereicherndes Radioprogramm... All das schenkt mir ganz viel Kraft. Und mit dieser Kraft und zugleich aus großer Dankbarkeit heraus, konzentriere ich mich hier in Deutschland darauf, Wege zu finden, wie wir dem mit jedem Tag wachsenden Elend in Nepal begegnen können.

Ich reise dafür z. B. nach Hamburg, Berlin, Augsburg und an viele weitere Orte im ganzen Land, um Menschen um Hilfe für unsere Schutzbefohlenen zu bitten. Die große Solidarität, die uns in den Wochen nach dem Erdbeben getragen hat, spüre ich auch bei den Vorträgen und Gesprächen, das macht mich dankbar und gibt mir immer wieder neuen Mut.Gerne komme ich auch in andere Städte oder Schulen, um über unsere Arbeit zu berichten und Fragen zu Nepal zu beantworten. 

Außerdem veranlasse ich in fast täglichem Kontakt mit unseren Mitarbeitenden bei Shanti zusätzliche Hilfsprogramme, wie z.B. die Versorgung der Bettler am Pashupat Tempel mit warmem Mahlzeiten. Die Touristen bleiben aus, da dürfen wir die Armen nicht hungern lassen.

Frieden – danach haben alle Menschen weltweit die größte Sehnsucht. Ich wünsche Ihnen allen diesen Frieden – an Weinachten und im ganzen vor uns liegenden neuen Jahr! Und ich danke Ihnen allen für Ihr Wohlwollen, Ihre Spenden und Ihre Treue! 

Bleiben Sie alle gut behütet – 

Ihre Marianne Großpietsch 

Nepal

Hockerbau: Schutz vor der Nässe und sinnvolle Beschäftigung für Männer

Männer in der Zeltstadt beim Anfertigen von Bambushockern – dabei lässt sich auch trefflich Spaß haben! 

Es gibt immer wieder Geschichten, die zu Herzen gehen. So auch die von Kamal Bahadur. Er ist – vermutlich aufgrund einer Polio-Infektion – nur eingeschränkt gehfähig und kann sich nur mit Hilfe eines Rollators fortbewegen. Auch kann er nur undeutlich sprechen. Normalerweise wäre er in Nepal deshalb aus der Gesellschaft ausgestoßen worden. Denn nach Auffassung der Hindus haben die Götter ihn damit gestraft – vermutlich wegen irgendwelcher Missetaten in den vorherigen Leben. Gesunde müssen den Kontakt mit ihm deshalb tunlichst meiden. Kamal hätte sein Leben als Bettler in Schmutz und Armut fristen müssen. 

Kamal (Mitte) zeigt einem der Männer, wie er die Plastikbänder zu einem Hockersitz flechten kann.

Aber zum Glück hat er den Weg zu Shanti gefunden. Und wir sind so froh, dass wir ihn haben! Denn er ist nicht nur bienenfleißig, sondern auch handwerklich überaus geschickt.

Kamal rasiert einen der bei Shanti wohnenden Menschen mit Behinderung und anschließend sich selbst!

Er macht Strick- und Häkelnadeln aus Bambus, er dreht Perlen aus Papierresten und zieht diese zu hübschen Ketten auf, er webt die Sitze für Stühle aus Bändern oder Bambusstreifen, er rasiert behinderte Mitmenschen und schneidet ihnen die Haare.

Kamal erklärt den Männern, wie die Bambushocker gemacht werden. 

Vor allem aber fertigt er Hocker, die gerade jetzt in der regenreichen Monsunzeit, wenn alles unter Wasser steht, eine trockene Sitzgelegenheit bieten. Und das Tollste: Er, der Behinderte, leitet darin andere Männer an, Gesunde aus der Zeltstadt, die normalerweise jeden Kontakt mit ihm meiden würden. Kamal ist sehr stolz, dass er auf diese Weise einen Beitrag leisten kann, damit es der Bevölkerung nach dem großen Erdbeben besser geht. Und so kann Shanti als Organisation zeigen, wie nützlich und sinnvoll es ist, die Begabungen und Fähigkeiten der behinderten Menschen zum Wohle aller zu nutzen und wertzuschätzen. 

Bambusstäbe werden in Streifen geschnitten und unter Anleitung Kamals zu Hockern geflochten.
 
Die Frauen schneiden Stoffreste in Streifen und fertigen daraus die bunten Quadrate für die Flickenteppiche.

Nanda Thane

Und noch ein weiteres Schicksal hat uns sehr berührt: Nanda Thane wurde an der Wirbelsäule schwer verletzt, als er beim zweiten großen Beben seinen fünfjährigen Sohn rettete. 

Seit einigen Wochen ist er im Spinal Injury Center und so langsam fängt er an zu begreifen, dass er nie wieder wird laufen können. Er wird lebenslang auf den Rollstuhl angewiesen sein. Das verdunkelt seine Seele sehr, und wir bemühen uns, ihm klarzumachen, dass er trotzdem ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft bleiben wird. Das Schicksal von Kamal Bahadur zeigt das nur zu deutlich.

Wir bemühen uns nun, ihm die Perspektive aufzuzeigen, dass er von Kamal lernen kann, Dinge zu produzieren, die ihn sein eigenes Geld verdienen lassen, ganz abgesehen von der Hilfe, die wir ihm und seiner Familie bei Shanti bieten können. Wir hoffen, dass er damit neuen Lebensmut schöpfen und auch seine Lebensfreude zurückgewinnen kann. 

Die Situation in Kathmandu und Nepal insgesamt ist immer noch sehr verzweifelt. Durch den Monsun regnet es täglich in Strömen, und die Wassermassen setzen die Zeltstadt regelrecht unter Wasser (siehe Foto oben). Feldbetten gibt es kaum, sodass die Menschen mitten in den Pfützen schlafen müssen. Auch die Kleidung trocknet kaum, ganz abgesehen davon, dass die Menschen ohnehin nur wenig zum Wechseln haben. 

Unsere Freundin Sangita vom Dwarikas Hotel hat in der von ihr betreuten Zeltstadt Unterricht für Analphabeten organisiert (Foto ganz oben). Die Shanti-Schreiner haben dafür aus alten Paletten Schulbänke gezimmert (Foto oben). So gibt es immer wieder Hoffnung und neue Perspektiven. 

In der Station ist der Schulunterricht inzwischen alltäglich geworden. Vor kurzem haben die Schüler eine Aktion zum Anbau von Reis gestartet (Foto oben) – so können sich alle immer wieder für die Allgemeinheit nützlich machen. 

Nepal

Die Schule hat begonnen!

Der erste Schultag in den neuen Räumen im Zentrum in Tilganga

Da die Schul- und Internatsgebäude in Budhanilkhanta abgerissen werden müssen, haben wir die Schule kurzerhand ins Zentrum nach Kathmandu verlegt. Alle Bewohner sind etwas zusammengerückt, die großen Räume wurden durch Holzabtrennungen geteilt – so entstanden ausreichend Klassenräume für unsere Schulkinder. Die Schreiner haben fleißig die Tische neu gehobelt und geschliffen. Alle Kinder haben mit angepackt, um die Materialien – Stühle, Tische, Tafeln, Unterrichtsmaterialien – in die neuen Räume im 2. Stock über der Armenküche zu transportieren. 

Da es noch nicht wieder genügend Strick- und Häkelnadeln für den Unterricht gab, legten Schüler und Lehrer selbst Hand an und schnitzten sich ihre Materialien aus Bambusstäben. 

Der Schulbeginn am 1. Juni wurde so zum großen Fest – zur Feier des Tages gab es frisches Obst, und die Räume wurden mit Blumen geschmückt. Alle sind froh über dieses Stückchen Alltag, der nach den Unruhen des Bebens so durcheinander geschüttelt worden war. Der vertraute Rhythmus gibt kleinen und großen Seelen eine wohltuende innere Stütze. 

Immer noch bebt die Erde täglich. Es ist kaum vorstellbar – aber es vergeht kein Tag ohne dass der Boden wackelt.

Die Menschen müssen zudem noch Angst vor Leoparden und Schlangen haben, die in den Ruinen nach Beute suchen. Sogar in den Zeitungen findet das Beachtung (siehe Foto links). 

Eine Gruppe indischer Geistlicher aus Kerala in Südindien baute mit den Bewohnern von Budhanilkhanta zusammen Notunterkünfte aus Wellblech. Sie halten sogar den Regengüssen des Monsun stand.

Wir werden dort keine neue Schule mehr errichten, sondern das Gelände für den Obstanbau nutzen – die Wurzeln der Bäume halten den Boden fest, sodass das abschüssige Gelände nicht mehr so leicht abrutschen kann. 

Die Erde ist sehr fruchtbar, und die Obstbäume tragen reichlich Früchte. 

Wolle wickeln, Plastiktüten in Streifen schneiden – nützliche Tätigkeiten, an denen sich alle beteiligen können und die ablenkt von den Schrecken der Vergangenheit. 

Wir haben robuste Nähmaschinen gekauft und lassen nun für die Flüchtlinge aus gespendeten Textilien neue Kleidung nähen. So werden aus einem Anzug in Übergröße aus Amerika (für korpulente US-Bürger vielleicht gerade richtig, aber für zarte Nepali-Figuren völlig unbrauchbar!) zwei bis drei Anzüge "Nepali-Size". 

Farbenfroh sind die Decken, die auf den Rhadi-Webstühlen aus Wolle gewebt werden. 

Außerdem konnten wir noch einmal mehrere hundert Kilo reine Wolle erstehen, die jetzt fleißig gewickelt und zu wärmenden Jacken verstrickt bzw. auf den traditionellen Nomaden-Webstühlen zu großen Decken verarbeitet wird, die im Winter gebraucht werden. Denn da sind vor allem die Nächte eisig kalt. 

Große Sorgen macht uns das Nachbargebäude neben der Klinik in Kathmandu. Der Besitzer hat unerlaubt ein drittes Stockwerk aufgesetzt, das dem Erdbeben nicht standgehalten hat und nun unser Klinikgebäude belastet. Sollte das Haus ganz einstürzen, wird das nicht ohne Folgen für unsere Gebäude bleiben. Wir sind deshalb bereits mehrfach bei den Behörden vorstellig geworden – bisher ohne Erfolg. Nun haben wir auch die Deutsche Botschaft mit einbezogen – in der Hoffnung, dass diese Autorität mehr bewirken kann. Denn letztlich sind unsere Gebäude auch mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gebaut worden – es besteht also auch regierungsseitig ein Interesse daran, dass hier nicht unnötig Schaden entsteht. 

Dr. Shruti (hinten) versorgt im Medizin-Zelt zusammen mit zwei Krankenschwestern die Patienten.

Die Angst vor einstürzenden Gebäuden lässt die Menschen weiterhin in Zeltstädten ausharren. Wir unterstützen hier unsere Freundin Sangita Shrestha, die Besitzerin des Dwarikas Hotels, die eine Zeltstadt für 320 Obdachlose errichtet hat.

Aus Plastikstreifen werden Matten gehäkelt (im Vordergrund), Bambusstäbchen zu Strick- und Häkelnadeln geschliffen (hinten). 

40 Kilogramm Wolle wollen gewickelt werden! 

Wir veranstalten Kurse für Stricken, Häkeln und Nähen. Wir zeigen, wie man aus Bambusstäben Strick- und Häkelnadeln schnitzen kann und sie mit Bienenwachs einreibt, damit die Nadeln schön griffig werden. Aus alten Autoreifenschläuchen nähen wir Matten, mit denen die Zeltböden ausgelegt werden können, um sie vor Wasser und Schlamm zu schützen. Wir zeigen, wie man aus Plastikstreifen (z.B. aus alten Plastiktüten und -resten) bunte Matten häkelt, die zusätzlichen Schutz vor Kälte und Nässe bieten. Wir haben eine Spende von 200 Euro in 40 Kilogramm reine Wolle umgesetzt, die gewickelt werden muss. Wir zeigen, wie man aus der Wolle Stirnbänder mit Ohrenklappen herstellt, Mützen häkelt, Jacken, Pulswärmer und Stulpen strickt...

Es war eine Freude zu sehen, wie eifrig die Frauen bei der Sache waren: unsere Handarbeitslehrerin in der Mitte, jeweils eine Frau rechts und links neben ihr, und dann ging's los. Auch das Wollewickeln war eine sehr gesellige Angelegenheit: Jeweils zwei Frauen saßen sich gegenüber, die eine hielt den Strang, die andere wickelte, und dabei wurde munter geschwatzt und gelacht. 

Im Medizin-Zelt macht unsere Dr. Shruti jeden zweiten Nachmittag Praxis und verarztet die Kranken. Sie hat immer zwei Krankenschwestern dabei, so kann sie noch effektiver arbeiten. 

Ein besonderer Glücksfall war, dass wir über unseren Freund Peter Effenberger von One World etliche hundert Zeltplanen ergattern konnten, die wir über Beziehungen noch so rechtzeitig aus dem Zoll bekamen, dass wir nicht die seit 3. Juni geltenden 46 Prozent Einfuhrzoll (!!!!!) bezahlen mussten. Aus diesen Planen können wir richtige Zelte nähen, die auch heftigen Monsun-Sturmböen standhalten. Die Zelte, in denen die Menschen häufig hausen, stammen nämlich aus den arabischen Ländern und sind zwar gut gegen Sandstürme und Wüstensonne, aber nicht regendicht ... Wir werden diese nun mit den zusätzlichen Planen so abdichten, dass die Menschen und das wenige Hab und Gut, das ihnen geblieben ist, trocken bleiben. 

Unsere Schneider haben eine "Produktionsstraße" eröffnet, wo ein Zuschneider für fünf Schneider die frisch zugeschnittenen Schuluniform-Teile zurechtlegt, die dann rasch zusammengenäht werden können – und die Schulkinder fühlen sich nicht mehr ausgegrenzt, sondern sind gekleidet wie alle anderen Schülerinnen und Schüler auch. Außerdem ließen wir aus alten Autoschläuchen und -reifen Schuhe und Sandalen nähen (Foto links). Und wir haben ihnen Füller spendiert – nun brauchen sie nur noch Bücher und Hefte. 

Da an diesen Arbeiten viele unserer Patienten beteiligt sind, sehen die Zeltstadt-Bewohner, wie geschickt sie auch mit ihren leprageschädigten Händen sind. Der Kontakt zwischen diesen Menschen, die sonst aus der Gesellschaft ausgestoßen werden und ihr Dasein als Bettler fristen müssen, und der "normalen" Bevölkerung trägt dazu bei, Vorurteile und Ängste abzubauen. 

Um die Menschen hoffnungsvoller zu stimmen, werden wir ein "Märchenzelt" nähen lassen. Das ist ein großer Reifen, von dem farbige Stoffbahnen herabhängen. Darin sitzt auf bunten Kissen eine unserer Lehrerinnen, die eine hochbegabte Geschichtenerzählerin ist, und erzählt Märchen aus nepalesischer Überlieferung.

Auf diese Weise wollen wir auch die Erinnerung an die schöne Heimat wach halten. Vielleicht kommen ja auch ein paar Zeltstadt-Bewohner und erzählen selbst Geschichten. Je mehr die Flüchtlinge ihre Heimat in guter Erinnerung behalten, desto eher schieben sich positive Bilder über die Greuel des Erlebten. 

Es wird ein langer Weg sein, bis die Bevölkerung Nepals wieder Vertrauen in eine gesicherte Zukunft wird entwickeln können. Wir sehen es als unsere Aufgabe, ihnen praktische Hilfe zukommen zu lassen, die ihr Leben erleichtert und sie vor Krankheiten bewahrt. 

 

Nepal

Aufbauen, ernähren, das Chaos organisieren ...

Hier der aktuelle Bericht von Marianne Grosspietsch aus Kathmandu: 

"Lautes, flehendes Beten dringt aus dem unserem Haus benachbarten Sai-Baba-Tempel zu mir herüber. Das Volk ist so voller Angst und Ratlosigkeit. Immer noch vibriert die Erde täglich viele Male. Dann werden die Gesichter schreckensstarr, und die Augen weiten sich vor Angst. Wie nachvollziehbar, dass da auf alle nur erdenkliche Weise die Götter angerufen werden. 

Rojsni fragt unsere Schulleiterin Rabina, wann die Schule endlich wieder losgeht. 

Und doch müssen wir auch den Alltag unter die Füße nehmen und Wege fürs Überleben suchen. Bei Shanti haben wir jetzt auch alle behinderten Kinder aus dem weitgehend zerstörten Budhanilkhanta ins sichere Zentrum nach Kathmandu geholt. Der Platz reicht aus – wenn alle rücksichtsvoll aufeinander achten. Unsere Kindergärtnerinnen sind so liebevoll – wir trauen ihnen zu, dass sie ein solidarisches Miteinander schaffen, denn vor allem im Kindergarten wurde zusammengerückt, um Raum für die neuen Mitbewohner zu schaffen. 

Rabina erzählt den behinderten Kindern, die nun auch in der Station betreut werden, eine Geschichte.

Künftig soll auch der Schulunterricht in der Station stattfinden – denn das ursprünglich dafür gedachte Gebäude ist unbewohnbar geworden. Heiko und Rabina, unsere Schulleiterin, haben gemeinsam einen Raumplan gemacht, und mit ein paar Umbauten sehen wir einen gangbaren Weg. Welch ein Segen, dass wir tüchtige Schreiner und Maurer unter der Patientenschar haben, sodass wir alle Maßnahmen aus eigener Kraft stemmen können. 

Alle helfen mit, die Schulsachen in die oberen Räume zu bringen, so künftig der Unterricht stattfinden wird. 

Der handwerklich hochbegabte Kamal (rechts) schnitzt Bambusstäbe für Hocker und – noch feiner – für Strick- und Häkelnadeln. 

Wie immer, wenn sich viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Altersgruppen, aus verschiedenen Schul- und Glaubensrichtungen um Lösungen bemühen, gilt es, einen Konsens zu finden, der für alle tragbar ist. Da kommt es schnell mal zu Reibereien und Missverständnissen. Und es bedarf großer Geduld und Toleranz bei allen Beteiligten. Heiko und ich sehen unsere Aufgabe darin, dass wir unsere Kräfte auf Shanti konzentrieren und nicht in Aufgaben außerhalb von Shanti zersplittern. Wenn man um sich schaut, weiß man kaum, wo beginnen, so groß ist die Not. Je tiefer wir mit hineingenommen werden in die Sorgen der einzelnen Patienten, desto größer wird das Spektrum an Lösungsbedarf für all die bittere Not, die an uns herangetragen wird. Und doch sind wir ja immer dort am wirksamsten, wo wir am meisten Einfluss nehmen können – und das ist für uns der Rahmen, den uns Shanti bietet. 

Für die jungen Volontärinnen ist das oft schwer nachvollziehbar. Manche meinen, wir sollten auch weiterhin Hilfssendungen in entlegene Dörfer organisieren, wie in en allerersten Tagen nach dem großen Beben. Zwischenzeitlich hat sich die Situation jedoch dahingehend geändert, dass sich die großen internationalen Hilfswerke wie Welthungerhilfe, Rotes Kreuz, Unicef usw. mit den Regierungsstellen geeinigt haben, bestimmte Regionen im Land jeweils verantwortlich zu versorgen. Die Regierung untersagt verständlicherweise eigenmächtige Aktionen, um Doppel- und Fehlbelieferungen zu vermeiden. Wir halten uns als Shanti an diese Regelungen, denn wir wollen nicht unnötig Probleme verrusachen, wenn wir konstruktiv auf unsere Weise vor Ort in Kathmandu viel Not und Leiden lindern können. 

Für die Kinder sind die großen Berge von Papierstreifen, die wir für die Brikettherstellung brauchen, ein willkommener und gut geplolsteter Platz für Tobespiele aller Art! 

Neben der Arbeit in unserer Station beteiligen wir uns an der Hilfsaktion unserer Beraterin, der Hotelbesitzerin Sangita Shrestha vom Dwarikas Hotel, die in einer Zeltstadt über 320 Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgt. Wir haben ihr einen unserer PAULs zur Wasserversorgung abgetreten, so dass die Bevölkerung dort über ausreichend Trinkwasser verfügen kann. 

Um die Menschen aus ihrer Starre zu lösen, baut Heiko dort gerade ein "Werkzelt" mit sechs Nähmaschinen auf. Dort werden wir ab morgen den Frauen Nähen, Stricken, Häkeln und Weben beibringen. Wir nehmen dafür mehrere kundige Frauen aus der Shanti-Station mit. Dann können die Menschen etwas Sinnvolles tun, und ihr Leben bekommt wieder mehr Hoffnung. 

Zurzeit warten wir auf 200 lichtstarke Solarlampen, die wir in die Zelte hängen möchten, damit diese auch abends erleuchtet sind. Glücklicherweise haben wir gute Kontakte zur lokalen Direktion von Etihad Airways, die den Transport übernehmen. 

Mit solchen lebenspraktischen Aktionen versuchen wir, in kleinen Schritten die Situation der Betroffenen möglichst nachhaltig zu verbessern. Unser nächstes Vorhaben ist, ein "Pfannkuchen-Zelt" zu initiierren, denn die Kindern brauchen kleine Zwischenmahlzeiten. Wir hoffen, zwei oder drei Frauen dafür gewinnen zu können, Bananen-Pfannkuchen zu backen und die größeren Kinder dabei mithelfen zu lassen. 

Außerdem werden wir Kräutertee beziehen von unserem Freund Peter Effenberger von One World, dem einzigen Demeter-zertifizierten Landwirt hier in Nepal, um eine kleine Teestation zu errichten. Sein Büro ist fußläufig vom Zeltlager entfernt, sodass leicht Nachschub geholt werden kann. 

Ein großer Vorteil der Zeltstadt ist, dass Sangita eine Reihe von Wellblech-Toiletten und -Duschen über dem Abwasserkanal errichten ließ. Somit ist die Gefahr von Seuchen wie Cholera und Typhus dort weitgehend gebannt, denn das Trinkwasser wird über PAUL zuverlässig gefiltert. 

Für die Shanti-Patienten haben wir ein großes Quantum reine Wolle besorgt, und jetzt wird kräftig gestrickt und gehäkelt – denn der nächste Winter kommt bestimmt. Auf dem Bild links trägt Asmita stolz das erste fertige Jäckchen! 

Zwei unserer Volontäre haben mit ihrer wunderbaren praktischen Begabung auch die Trinkwasserversorgung für die Zeltbewohner vor den Toren der Shanti-Station gelöst. Sie stellen einen der PAULs einfach auf einen Vorsprung im 1. Stock der Klinik. Von dort läuft ein langer Schlauch in einen Behälter mit 1000 Liter Fassungsvermögen auf dem Platz. Daraus können die Zeltbewohner ihr Trinkwasser beziehen, und wir können sicher sein, dass PAUL sachgerecht befüllt und bedient wird. 

Für weiterreichende Pläne fehlt uns derzeit die Kraft. Aber ich bin gewiss, dass wir längerfristige Lösungsansätze entwickeln können, wenn alles wieder überschaubarer und ruhiger geworden ist. Bis dahin setzen wir einen Fuß vor den anderen und freuen uns, wenn die Erde uns trägt."

Nepal

Wir planen wieder

Hier der aktuelle Bericht von Marianne Grosspietsch aus Kathmandu: 

"Etliche Tage habe ich nicht berichten können – der Schlafmangel und die vielen Sorgen lasteten wie Blei auf meiner Seele. Inzwischen regen sich neue Kräfte und wir versuchen, einen Weg aus dem Chaos zu finden. 

Die großen Plätze in Kathmandu für viele zum Notquartier geworden. Auch der Platz vor unserer Station. 

Noch leben viele, viele Menschen – auch diejenigen, die noch Häuser haben – in Zelten, aus Angst vor neuen Nachbeben. Es gibt kaum noch Planen zu kaufen. Glücklicherweise konnten wir 200 Stück aus Indien beziehen, die wir jetzt zu Zelten nähen lassen. Heiko hat ein pfiffiges System entwickelt, wie das Zelt durch eingenähte Seile in Nullkommanix errichtet werden kann. 

Alle Sachen aus der einsturzgefährdeten Schule lagern wir jetzt in der Station. 

Glücklicherweise haben wir alles Hab und Gut aus dem durch das große Nachbeben einsturzgefährdeten Schulgebäude herausholen können. Sogar alle Kinderzeichnungen konnten klassenweise gebündelt gerettet werden. Alles Material lagert jetzt sicher in der Station in Tilganga. 

Da das Haus jetzt aber nicht mehr nutzbar ist, sind wir in der Station noch enger zusammengerückt und haben die Schule dorthin verlagert. Das kommt uns entgegen, denn der Schulbus ist reparaturbedürftig und die Mechaniker größtenteils bei ihren Familien auf den Dörfern, um zu helfen. Es wird also noch eine Weile dauern, bis wir den Bus wieder einsetzen können. 

Kamal hat durch die Lepra schon einen Unterschenkel eingebüßt, auch der rechte Fuß ist schon stark verstümmelt. Trotzdem ist er immer guter Laune und webt fleißig Flickenteppiche – der große Stapel im Regal ist sein Werk! 

Für unsere Patienten ist die Lage schwierig – sie können ihre Familien in den Dörfern kaum erreichen, und die Sorge und der Kummer über die ungewisse Lage setzt ihnen schwer zu. Wir versuchen nach Kräften, sie zu trösten und sichern ihnen und ihren Familien unsere Unterstützung zu. Es wird mühevoll sein und noch eine ganze Weile dauern, bis alle Klarheit haben, wie es ihren Angehörigen geht.

Der nächste Winter kommt bestimmt ... Deshalb lassen wir auf traditionellen Nomadenwebstühlen Wollteppiche, die sogenannten Rhadi, weben. Sie dienen als Unterlage oder Zudecke.

Langsam wird das Ausmaß der Schäden in Kathmandu absehbar. Wenn wir mit dem Auto durch Stadt fahren, dann immer in der Mitte der Fahrbahn, weil man nie weiß, wann von rechts oder links irgendwelche Häuser auf die Straße stürzen. Die Regierung hat bisher keinen Plan, wie die riesigen einsturzgefährdeten Hochhäuser abgetragen werden können. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Experten und auch an entsprechendem Gerät."

Nepal

Nach dem großen Nachbeben

Marianne Grosspietsch schreibt aus Kathmandu: 

Unsere Kindergärtnerin Sati Devi hat sich bei der Flucht aus dem Gebäude am Fuß verletzt und wird ärztlich versorgt. 

"Als am Dienstagmittag die Erde wieder bebte, saßen wir gerade beim Essen in der Station in Tilganga. Es rüttelte heftig – die Erwachsenen unter den Shanti-Bewohnern schrien auf und rannten aus dem Innenhof hinaus auf den freien großen Platz vor der Station

Irina aus Tadschikistan tröstet die völlig verstörte Logan Devi.

In beeindruckender Ruhe begleitete das einsatzfreudige, warmherzige Team der Traumaspezialisten der "Freunde der Erziehungskunst" unsere Kinder auf den sicheren Platz. Es ist eine ganze Kinderschar geworden, denn wir haben inzwischen auch die Kinder der Balsarati Armenschule an unser Herz genommen. 

Als sich die Erde wieder etwas beruhigt hatte, begannen die Traumaspezialisten mit Kreistänzen und Klatschspielen – eine der besten Methoden, um Angst und Panik in den Hintergrund zu drängen und den Kopf wieder mit Positivem zu füllen. Darauf sprechen nicht nur Kinder an – auch die verängstigten und verstörten Erwachsenen stellten sich dazu, und ihre erstarrten Gesichter lösten sich und bekamen wieder weichere Züge. 

Die Häuser rundum und in der ganzen Stadt sind nun noch gefährlicher geworden. Es gibt wieder viele Zeltlager – denn nun sind wieder Tausende mehr obdachlos geworden. Auch die große Schule, die wir als Notlösung für unsere Kinder in Kathmandu angemietet hatten, ist nun völlig unbrauchbar geworden. Bis zum 29. Mai soll nun kein Unterricht mehr sein. Für die Kinder ist das eine Katastrophe, weil sie durch den Unterricht von dem schrecklichen Geschehen abgelenkt werden. Vor allem aber finden sie dabei eine sinnvolle Beschäftigung – und spielen nicht in den gefährlichen Ruinen. 

Wir sind weiterhin froh, dass wir einigermaßen gut versorgt sind – mit Lebensmitteln, dank der PAULs auch mit sauberem Wasser. Und dass wir alle unverletzt geblieben sind."